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Manga-Hulk im Musikvideo von WARUM LILA

Die Skype-Schaltung läuft, noch leicht ruckelnd. Als sich die Verbindung stabilisiert, erscheint Eric auf dem Bildschirm. Er sitzt mit seinem Frühstück im Bandzimmer von WARUM LILA. Hinter ihm steht ein weißes Sofa, darüber hängt eine Deutschlandkarte, auf der die Jungs immer nachschauen, wo die nächsten Konzerte sie hinführen. Vita gesellt sich mit seiner Kaffeetasse dazu. Beide freuen sich, dass sie TEENSMAG-Volontärin Lisa von ihrer dritten Single erzählen dürfen.

 

TEENSMAG: Worum geht’s in dem Song »Ich explodier‘«?

Eric: (zu Vita) Dafür bist du der richtige Mann.

Vita: Der Song handelt von einer fiktiven Person, die isoliert lebt. Er führt ein Doppelleben: Im echten Leben total unscheinbar und flüchtet sich in die virtuelle Welt, wo er seine Phantasien auslebt. Das ist ein Phänomen, das mittlerweile viele kennen. Gerade das Internet gibt die Möglichkeit zu fliehen. Die Idee für diesen Song hatte ich schon vor fünf/sechs Jahren. Damals war es noch kein Cybermobbing-Song, sondern es sollte einfach um Mobbing gehen, weil wir es selbst mitbekommen haben.

Auf welcher Seite standet ihr bei den eigenen Erfahrungen?

Vita: Ich selbst habe nicht aggressiv Mobbing erlebt, aber ich kenne das Gefühl, nicht dazuzugehören. Gerade weil in meiner Klasse niemand außer mir gläubig war, war ich immer fremd. Da kann man schnell in etwas reinrutschen und ist plötzlich der »uncoole Christ«, der nichts darf.

Eric: Wir haben alle beide Seiten kennengelernt. Mobbing ist vor allem in der Schulzeit ein großes Thema – da sind wir jetzt nicht mehr. Aber über Facebook und Co. haben wir einen engen Draht zu unseren Fans und sehen, was da abgeht. Wir haben die Kommentare unter ihren Profilbildern und auf unserer Bandseite gesehen. Im Netz scheint eine ganz andere Würze in der Sache zu liegen.

Vita: Und auch mehr Mut. Manches würden sie uns nie persönlich sagen. Wenn wir im echten Leben Leute treffen, die uns vorher bissige Kommentare geschrieben haben, ist wieder alles cool. Ich fand es spannend, diese Diskrepanz zu beschreiben. Aktuell lassen sich viele im Internet lautstark über Politik aus oder über das, was an Silvester in Köln passiert ist. Das kann gefährlich sein, weil es Stimmungsmache ist, die sonst gar nicht stattfinden würde.

»Better call lila« ist ein Ansatz von euch, dagegen zu kämpfen. Was macht ihr dabei?

Vita: Freunde, Fans und Bekannte haben die Möglichkeit, uns einmal die Woche – am Mittwoch – anzurufen oder anzuschreiben und Fragen zu stellen. Letzte Woche haben wir gezielt das Thema Mobbing ausgesucht. Das war gut, weil ganz viele Leute lange Geschichte erzählt oder geschrieben haben. Ich glaube, der erste Weg bei Mobbing ist, dass man darüber spricht und versteht, dass es kein Einzelfall ist und es jeden treffen kann.

Eric: Was wir an »Better call lila« schätzen, ist der direkte Draht zu den Fans, den man so sonst nur zu Freunden hat. Wir haben uns vorher überlegt, dass wir keine Psychologen sind und vielleicht nicht alles auffangen können, was auf uns zukommt. Aber oft war es so, dass allein dieser Prozess Hilfe und Erleichterung gebracht hat, seine Geschichte jemandem zu schreiben, der vielleicht auch ein Vorbild ist. In dem Song und dem Video geben wir auch keine Lösung vor. Letztendlich werden die Geschichten, die im Dunkeln und peinlich sind, auf den Tisch gezerrt, damit darüber gesprochen wird.

Wegen diesem Anliegen habt ihr eine Schultour geplant.

Vita: Die Tour soll nächste Woche losgehen und wir haben für das Jahr noch öfter vor, mit einer Anti-Mobbing-Kampagne unterwegs zu sein. Für die Schulen hat das einen größeren Mehrwert, wenn wir nicht nur in der Pause Musik machen, sondern das Ganze mit Inhalt zu füllen. In der Schule fängt das Problem Mobbing an und geht im Studium und auf der Arbeit weiter.

Was erwartet die Schüler?

Vita: Wir werden wahrscheinlich 4/5 Songs in der großen Pause spielen und zu dem neuen Song kurz etwas sagen. Die große Aufgabe wird dann sein, in die Klassen zu gehen und über das Video zu sprechen. Darin finden sich viele Easter Eggs, Kleinigkeiten, die man finden kann und die alle eine Funktion haben. Es wäre super, wenn wir mit den Leuten ins Gespräch kommen. Wir sind keine Streitschlichter, aber wir wollen das Thema wieder aufrollen. Es kommt cooler, wenn das eine Band macht als ein Lehrer – wobei das auf den Lehrer ankommt. (beide lachen)

Erzählt mal von der Videoproduktion.

Vita: Das Cover der Single war das erste Bild, das ich hatte. Beim Einkaufen habe ich oft Stöpsel in den Ohren und lasse Songs laufen – dabei kommen mir oft Ideen. So hatte ich die Idee, dass es für das Video cool wäre, etwas Virtuelles zu nehmen, weil der Text von einem Doppelleben handelt. Als ich es unserem Manager vorgestellt habe, sollte ich ihm ein Bild zeichnen, wie es aussehen könnte. Weil ich großer Fan von Mangas, Animes und »Sin City« bin, ist diese Stilistik entstanden. Dann habe ich Eric das Bild gezeigt und ihn gefragt, welche Möglichkeiten wir haben, die Schwarz-Weiß-Bilder durch Bearbeitungsprogramme mit Leben zu füllen.

Eric: Und dann haben wir sehr lange dran gesessen.

Was heißt »sehr lange«?

Vita: Erst dachte ich, es wären einfach 15 Zeichnungen, ganz entspannt: »Ein Monat, dann ist es fertig.« Am Ende haben wir bestimmt vier Monate daran gesessen.

Eric: Es wäre sehr viel leichter gewesen, eine Agentur damit zu beauftragen. Wenn man alles zum ersten Mal macht, dauert alles etwas länger. Aber es war eine coole Erfahrung, weil viel Herzblut drinsteckt und es hat viel Selfmade-Charakter.

Vita: Ja, weil es von uns kommt. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass man oft nicht verstanden wird, wenn man es aus der Hand gibt. Der Song ist auch von uns – so ist das Video näher dran.

Was von euch persönlich habt ihr in das Video hineingelegt, das kein anderer hätte machen können?

Vita: Das ist eine gute Frage. Da muss ich erst mal überlegen. (Beide denken nach.)

Eric: Die meisten Sachen sind aus der Popkultur und es gibt ein paar kleine Hinweise auf uns. In einer Szene läuft der Protagonist vor einem Plakatwand läuft. Das ist ein Tour-Plakat von uns, auf dem »WARUM LILA sucks« steht.

Vita: Die Szene am Tisch kennt jeder ein bisschen von sich: alle Personen lachen, sind glücklich. Aber sie merken gar nicht, dass der Mensch hinten langsam verschwindet. In der Szene mit unserem Plakat haben wir versucht, uns nicht ganz so ernst zu nehmen – deswegen »sucks«. Ich kann mir gut vorstellen, dass es – wenn das Plakat in der Stadt hängen würde – keine fünf Minuten dauern würde, bis das da stehen würde. Das gehört dazu. Deshalb haben wir uns gedacht, dass wir es so realistisch wie möglich machen.

Welche Verbindung habt ihr zu Hulk?

(beide lachen) Vita: Auf die Idee ist unser Manager gekommen. Er ist ein großer Fan von Superhelden. Ich habe lange überlegt, wie ich die großen, starken Worte »Ich explodier‘« visualisiere, ohne dass man gleich in Flammen aufgeht oder zerrissen wird. Hulk wird groß und stark, wenn er wütend ist. Diese Verbindung fand ich super: Dieser Mensch, der den Frust in sich aufsaugt und irgendwann nicht mehr kann. Dann ist er in seinem Kopfkino plötzlich der große, starke Typ, der er sein wollte. Es war nur nicht so einfach, weil er nicht komplett Hulk sein sollte. Daher ist er nicht grün und hat wie der Protagonist kein Gesicht – man sieht nur die Augen.

Man kann auch ein Mädchen mit Zetteln entdecken.

Vita: Du meinst Amanda Todd. Das ist der Verweis auf die Internet-Sicht. Sie steht stellvertretend dafür. (Anm. d. Red.: Amanda Todd brachte sich selbst um, nachdem Nacktbilder von ihr im Internet kursierten und sie dafür gemobbt wurde. Vor ihrem Tod erzählte die 15-Jährige ihre Geschichte in einem Video. Darin hält sie schweigend handbeschriebene Zettel in die Kamera.). Wenn man Cybermobbing als Suchbegriff eingibt, findet man sie ziemlich als erstes.

Habt ihr gelernt zu animieren und zeichnen?

Eric: Mein Studiengang ist interdisziplinär mit allen Mediendisziplinen, verknüpft mit Marketing und BWL für Unternehmenskommunikation. Daher hatte ich eine gewisse Grundlage. Aber es war das erste Mal für mich, Zeichnungen zu animieren.

Vita: Ich habe Grafikdesign studiert und schon immer gerne gezeichnet. Das ist die persönliche Seite an dem Video: In jungen Jahren habe ich selbst gezeichnet, um aus den Sachen zu flüchten. Das war ein gutes Ventil.

Eric: Das Zeichnen war schon vor der Musik da.

Vita: Damit habe ich mit zwölf Jahren angefangen und es war das erste, von dem ich wusste, dass ich es kann. Das hat mir viel gegeben. Es war schön, dass wir beides im Video verknüpfen konnten.

 

_Lisa hat begeistert nach den beschriebenen Easter Eggs im Video gesucht. Hier kannst du selbst gucken, welche Andeutungen du entdeckst:

 

1 Antwort
  1. Hanna
    Hanna says:

    Ich finde super dass ihr so schnell ein Interview rausbring:) Ich hätte es sowieso vorgeschlagen! Klasse Aktion! Danke WarumLILA & Teensmag!

    Antworten

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