
Bild:www.photocase.com/Lindenthal
Ihr Vater war Alkoholiker, schlug seine Frau und schrie seine Kinder an. Doch es kam noch schlimmer: Ein Freund der Familie hat Jasmin als Kind sexuell missbraucht. Uns hat sie erzählt, wie sie das erlebt hat und was ihr geholfen hat
Jasmin*, wie hast du dein Elternhaus als Kind erlebt?
Ich bin in einem eher schwierigen Elternhaus aufgewachsen. Mein Vater hat regelmäßig Alkohol getrunken. Es ging so weit, dass er, wenn er betrunken war, meine Mutter verprügelt hat. Mir gegenüber war mein Vater nicht gewalttätig. Aber er hat oft gedroht, mich ins Kinderheim zu stecken, wenn ich unartig sei. Dieses »unartig« war zum Beispiel schon, wenn ich rausgehen wollte, er das aber nicht wollte.
Wann und wie hat der Missbrauch durch den Bekannten angefangen?
Der sexuelle Missbrauch fing an, als ich etwa sieben Jahre alt war. Der Bekannte war oft bei uns zu Besuch und hat die Familiensituation ausgenutzt. Er kam in mein Zimmer, um mir bei irgendwas zu helfen. Dabei kam es dann zu Übergriffen. Er berührte mich im Intimbereich. Dieser regelmäßige Missbrauch dauerte etwa sechs Jahre an.
War dir klar, was da passiert?
Mir war das überhaupt nicht klar. Ich wusste zwar, dass es nicht richtig ist, aber nicht, dass ich missbraucht wurde.
Was für Gedanken sind dir durch den Kopf gegangen, wenn du missbraucht wurdest?
Ich habe mir immer wieder eine Traumwelt vorgestellt. Eine schöne Wiese, mit vielen Blumen. Denken konnte ich sonst nicht wirklich. Meine Gefühlslage war ziemlich schwankend. Ich hasste alle Männer und sagte mir immer, dass ich nie heiraten werde und die Männer nur aus der Distanz betrachte.
Als Außenstehender hört man, dass sich Missbrauchsopfer oft selbst die Schuld geben. War das bei dir auch so?
Ja, das war auch bei mir so. Ich gab mir die Schuld daran, weil ich mir den Vorwurf machte, dass ich nicht darüber geredet habe.
Wann konntest du dich wehren?
Ich habe mich nie gewehrt. Ich ließ alles über mich ergehen. Der Bekannte kam dann plötzlich nicht mehr so oft, und ich war dann einfach oft nicht zu Hause, wenn ich wusste, dass er da war.
Wer hat dir geholfen, dem Missbrauch zu entkommen? Konntest du mit jemandem darüber reden?
Mir hat niemand geholfen, da rauszukommen. Ich habe als Kind mit niemandem darüber gesprochen. Ich wusste nicht, wie – und ob mir überhaupt jemand glaubt. Es war ein Schweigen, das mich innerlich kaputt machte. Als ich etwa zwanzig Jahre war, habe ich einer Freundin davon erzählt. Später habe ich auch professionelle Hilfe und Seelsorge in Anspruch genommen.
Welche Auswirkungen hatte der Missbrauch auf dein Leben und deine Beziehungen zu Männern?
Ich war kaputt und fühlte mich schmutzig. Es ging so weit, dass ich mich fragte, ob ich mir das alles nur einbildete. Als ich zwanzig war, rief ich diesen Bekannten an, mit dem ich etwa sechs Jahre keinen Kontakt mehr gehabt hatte. Ich ging ihn besuchen, weil ich ihn fragen wollte, warum er das getan hat. Als ich durch seine Haustür ging, war ich wie erstarrt und konnte nichts sagen. Doch anstatt die Wohnung zu verlassen, habe ich mich aufs Sofa gesetzt. Da fing das ganze Spiel wieder von vorne an. Er fasste mich überall an, fing an mich auszuziehen, zu küssen, und hörte nicht mehr aufund hörte nicht mehr auf mich auszunutzen. Als er fertig war, zog ich mich an und ging nach Hause. Ich habe geheult und mich unter die Dusche gestellt. Es war eklig. Ich habe dann regelmäßig Männer übers Internet kennengelernt. Ich suchte nach Liebe, die ich aber nicht bekam. Oft war es nur Sex, die gingen dann, und ich stand wieder alleine da. Alleine, schmutzig und hässlich. Es war ein ständiges Auf und Ab. Ich hatte mit dem Leben abgeschlossen.
Gibt es etwas, das du für dich daraus gelernt hast?
Dass Männer die Liebe Gottes nicht ersetzen können. Gott ist treu.
Welche Rolle spielte Gott für dich in der Zeit?
Ich habe mich mit sechzehn Jahren für ein Leben mit Gott entschieden. Die Anfangszeit war sehr gut. Ich erlebte Gott in meinem täglichen Leben. Bis zu dem Zeitpunkt, an dem ich mich mit meinem Missbrauch auseinandersetzte. Gott wirkte dann fern. Ich fühlte nichts mehr von seiner Gegenwart, von seiner Treue. Ich habe mich nur noch um mich selbst gedreht, Gott angeklagt und nichts in meinem Leben verstanden. Dabei war Gott all die Jahre an meiner Seite und hat mich durch die schwere Zeit getragen. Ich habe den Täter angezeigt. Das war kein einfacher Weg. Irgendwann hatte ich einen Zusammenbruch. Ich bekam Antidepressiva. Ich fühlte nichts mehr, wollte nichts mehr, konnte nichts mehr. Aber Gott war doch noch da. Er richtete mich wieder auf. Er schenkte mir nach vielen Tagen der Tränen einen tiefen inneren Frieden, der mich wieder atmen ließ.
Angenommen, Freunde bekommen vom Missbrauch etwas mit und möchten helfen. Was rätst du ihnen?
Ich glaube, helfen steht nicht im Vordergrund ... Als Opfer macht man sich Vorwürfe. Mir war sehr wichtig, dass ich von meinen Freunden akzeptiert werde und nicht verurteilt werde aufgrund dessen, was ich erlebt habe. Ich würde raten: Ermutigungen aussprechen, Unterstützung anbieten, da sein, beten und vor allem treu sein. Nicht loslassen, auch wenn die Freundschaft dadurch sehr geprüft wird. Opfer brauchen Freunde, die sie wissen lassen, dass sie da sind.
Wie gehst du heute mit dem um, was du erlebt hast?
Es hat mir sehr geholfen, dass ich gelernt habe, meine Vergangenheit zu akzeptieren und sie Teil von meinem Leben sein zu lassen. Ich erlebe konkret in meinem Leben, dass Gott alles neu macht. Er hat mich nach meinem Zusammenbruch wieder aufgerichtet. Es gibt Bereiche in meinem Leben, die noch nicht vollkommen frei sind, aber Gott sprengt die Fesseln zu seiner Zeit. Ich erlebe, dass Gott mir Ruhe in mein Herz schenkt, das gebrochen war. Und ich bin davon überzeugt, dass ich die Hoffnung auf das Leben schon lange aufgegeben hätte, wenn ich Gott nicht kennen würde. Gott will meine Vergangenheit gebrauchen. Er hat mein Herz erneuert. Ich will heute anderen Menschen durch mein Erleben ein Stück von Gottes Liebe näherbringen. Meine negative Vergangenheit kann durch Gottes Größe an anderen Positives bewirken. Gott soll durch mein Erleben verherrlicht werden.
*Name geändert
Interview_Annette Penno ist Jasmins Geschichte lange nachgegangen. Sie hat Hochachtung vor allen Opfern, die sich ihrer Geschichte stellen und bittet Gott,
dass er ihren Schmerz heilt.
Wer Fragen an Jasmin hat, kann uns schreiben: info@teensmag.net. Wir leiten die E-Mails an sie weiter.
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