Gewalt Der Wutunfall am Einkaufswagen



Wut, Rachegedanken und andere Nettigkeiten lauern überall in unserem Alltag. Rüdiger erzählt von seinen Wutausbrüchen und wie man lernen kann, sich umzudrehen und mit der Wut zu Gott zu gehen

Vor einer Weile bin ich mit meinem Auto zum Einkaufen gefahren. Auf dem Parkplatz angekommen, fahre ich in der Nähe des Eingangs schneidig in eine Parklücke und steige gerade aus, um gechillt einen Einkaufswagen zu holen, als ich schon von Weitem eine ältere Frau mit ihrem vollen Einkaufswagen, wild gestikulierend, auf mich zukommen sehe. Bei mir angekommen fährt mich die Dame erbost an, was ich mir denn erlaube, so nah an ihrem Wagen zu parken. Sie habe nicht mehr genügend Platz, um einsteigen zu können. Ich beruhige sie freundlich, steig wieder in meine Karre und parke mit etwas größerem Abstand neu ein. Noch im Auto sitzend denk ich: »Gut gemacht, Herr Pastor, als Christ biste ja jetzt voll das fette Vorbild.« Ich steig wieder aus und hör im Hintergrund, wie die Frau mir immer noch empört hinterher ruft. In dem Augenblick fährt eine heftige Wut in mein Herz. Ich denk: »Hallo? Wie schräg ist das denn? Da bin ich freundlich, parke meine Karre um und das Mütterchen labert mir immer noch mein Ohr voll.« Ich mache auf dem Absatz kehrt, baue mich vor ihr auf und falte dieses Mütterchen innerhalb von einer Minute sprachlich so zusammen, dass sie samt ihrem vollen Einkaufswagen bestimmt in einem Schuhkarton Platz gehabt hätte.

Noch mal nachgedacht

Später denk ich noch mal drüber nach: Was war das denn? Ich habe mich doch im Griff. Und dann so was. Was immer die alte Frau gesagt hat, so zu reagieren geht gar nicht. Ich muss an die Bibelstellen denken, in denen Jesus sagt: »Bittet für die, die euch beleidigen.« (Lukas 6,28) und »Wenn dich einer schlägt, dann halte ihm auch noch die andere Backe hin.« (Matthäus 5,39) Ja, so war es. Ich wurde mit Worten geschlagen und beleidigt. Zunächst habe ich es noch geschafft nicht zurückzuschlagen, aber letztlich habe ich anstatt meine Backe hinzuhalten, auf die anderen zwei Backen eingehauen. Ich fühle mich voll wie ein Versager.

Denkt Jesus auch mal an mich?

Aber mal ehrlich: Da stehst du als Christ auf dem Schulhof und wirst von jemandem so richtig dumm angemacht. Du kochst innerlich und würdest es ihm am liebsten irgendwie heimzahlen. Jesus aber sagt: »Halte deine andere Backe hin!« Und du denkst: »Wie bitte? Hör mal, wie krass ist das denn? Da steh ich ja voll wie der letzte Loser da und verliere mein Gesicht. Wenn Jesus so etwas sagt, denkt er dann auch an mich? Ich habe schließlich auch meine Ehre und Gefühle! Wie soll ich das ertragen? Wohin mit meiner inneren Wut, ohne dass ich sündige? « Ich finde, das sind berechtigte Fragen. Ich will mal erzählen, wie ich für mich gelernt habe, mit diesen Fragen umzugehen.

Ich behalte meine Würde!

Wenn Jesus sagt, dass wir, wenn wir geschlagen werden, auch noch unsere andere Backe hinhalten sollen, dann geht uns diese radikale Forderung erst mal verständlicherweise gegen den Strich. Das Problem bei dieser Aussage ist, dass wir oft nicht gleich verstehen, was Jesus damit meint. Wir denken, dass es darum geht, einen auf unterwürfig zu machen und dass wir so unsere Würde, unser Gesicht verlieren. Doch Jesus meint damit etwas anderes. Er ruft uns hier nicht zu einer passiven Unterwürfigkeit auf. Im Gegenteil: Er tut es, um uns Stärke zu lehren, ohne dabei Gewalt anzuwenden. Die andere Backe hinhalten heißt: Ich widerstehe dem anderen vor seinem Angesicht. Ich sage: »Und wenn du es noch tausendmal versuchst, ich verweigere dir das Recht, mich zu demütigen. Dein vermeintlicher Status ändert nichts an der Tatsache, dass ich ein Mensch bin wie du. Du kannst mich nicht entwürdigen. Du hast keine wirkliche Gewalt über mich. Ich allein entscheide, wer mir die Würde nehmen kann und wer nicht!« Das ist wahre Macht und Würde! Wenn ich an diese alte Frau vom Parkplatz denke, dann hatte sie mit ihrem Verhalten vor allen Leuten, die zusahen, ihr Gesicht verloren. Auch wenn es sich innerlich nicht so anfühlte, ich hatte im Grunde vor allen Menschen meine Würde behalten. Erst in dem Moment, als ich zurückschlug, hatte auch ich mein Gesicht verloren. Wenn wir also genau darüber nachdenken, dann ist die Aussage von Jesus eigentlich genial! Denn dadurch, dass ich dem anderen meine Backe hinhalte, nehme ich ihm die Macht, mich zu entwürdigen. Vielleicht dauert es ein wenig. Aber wenn mein Gegenüber keine Macht mehr über mich hat, dann verliert er das Interesse. So stehe ich meinem Feind entgegen, besiege ihn ohne Gewalt und behalte meine Würde.

Wohin mit der Wut?

Ich weiß, es ist leichter gesagt als getan! Schließlich habe ich als Mensch meine Grenzen. Wie schnell kann sich Wut in mir aufstauen und ich verletze jemanden. Oder ich hege einfach unchristliche Gedanken, bekomme Gewissensbisse und denke: Ich bin ein schlechter Christ. Und doch ist zu fragen: Wohin mit der Wut? In mich hineinfressen ist ja auch keine Lösung! Mir haben so ein paar Typen aus der Bibel geholfen. Zunächst mal habe ich festgestellt, dass heilige Männer in der Bibel auch richtig abgehen können. Was die so über ihre Feinde sagen ist schon heftig. So betet z. B. David zu Gott: »Seine Kinder sollen Waisen werden und sein Weib eine Witwe« (Psalm 109,9) oder »Seine Nachkommen sollen ausgerottet werden« (Psalm 109,13). Andere Beter sagen: »Wohl dem, der deine Kinder nimmt und am Felsen zerschmettert« (Psalm 137,9) Wer von uns betet so: »Oh Herr, jetzt hat mich der XY auf dem Schulhof wieder vor allen bloßgestellt, jetzt mach, dass er auf dem Nachhauseweg sich mit seinem blöden Fahrrad die Haxen bricht, damit ich den mal ne Weile los werde.« Wer betet so? Niemand oder? Aber mal ehrlich, wie oft denken wir so ähnlich? Oder wie oft lassen wir uns von unserer Wut hinreißen und schlagen sofort zurück?

Wut ja, aber am richtigen Ort

Die Bibel lehrt uns damit zwei wichtige Dinge:
• Ja, ich werde auch als Christ richtig wütend. Ja, ich kann da manchmal auch richtig unheilige Gedanken bekommen. Aber deshalb bin ich kein schlechter Christ, sondern ein wütender Christ, wie eben David. Der Punkt dabei ist nicht, dass ich wütend werde, sondern was ich mit meiner Wut anfange.
• Männer wie David zeigen uns, wohin sie mit ihrer Wut gegangen sind: zu Gott. Und sie haben genau das gesagt, was sie gefühlt haben. Ich habe immer gedacht, so kann ich mit Gott nicht reden. Ich weiß nicht, wie dir es geht, aber mit einem Gebet wie: »Lieber Herr Jesus, ich habe so böse, böse Gedanken in meinem Herzen« oder so ähnlich, komm ich nicht weiter. Ich muss das rausschreien. Ich dreh dann meistens die Musik auf und schreie alles aus mir heraus zu Gott. Man, dass befreit echt! Dabei habe ich festgestellt: So wie David, so hält Gott auch mich aus. Ich glaube, es ist ihm tausendmal lieber, du sagst ihm deine unheiligen Gedanken, als dass du sie dem sagst, auf den du richtig sauer bist. Zorn ja, aber er muss an den richtigen Ort: vor Gott. Er liebt nichts mehr, als wenn du authentisch vor ihn trittst. Das segnet er.

Und wenn es nicht klappt?

Machen wir uns nichts vor: Mit Angriffen, Wut und Rachegedanken umzugehen, ist ein längerer Weg. Niemand schafft es von heut auf morgen, es will gelernt sein. Gott schaut nicht so sehr darauf, ob und wie oft du versagst. Er guckt, ob die Richtung stimmt, ob du von Herzen lernen willst, mit Angriffen und Wut richtig umzugehen. Einem aufrichtigen Herz schenkt Gott Gnade. Vielleicht dauert es bis es klappt, aber dafür klappt es irgendwann dauerhaft.

Text_Rüdiger Halder hat Tipps, wie man mit Wut umgehen kann. Die kannst du in der aktuellen teensmag nachlesen.


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