Teil 3 "Das wundersame Weihnachtsgeschenk"



Immer wieder sah er auf die Uhr und auf den Kalender. In einer Woche war Weihnachten. Bisher hatte sich nichts getan, er schwankte stärker denn je zwischen Hoffen und Bangen. Er versuchte, den Hustenreiz zu beherrschen, doch es gelang ihm nicht.

Schniefend und keuchend zog er die Decke bis zur Nase. Dass er nun auch noch krank war, passte ihm gar nicht. Er hatte morgen wieder in den Gottesdienst gehen wollen, doch stattdessen würde er den vierten Advent im Bett verbringen müssen. Die schwere Erkältung gab ihm viel Zeit zum Nachdenken – und zum Beten.

Herr Nestor!“ Meike Vanderreet drängte sich durch eine kleine Ansammlung von Menschen nach vorne. „Herr Nestor!“ Der Gerufene hörte sie endlich und blickte auf. Meike erreichte ihn schwer atmend und streckte ihm die Hand hin. Der Referent nahm sie freundlich und schüttelte sie fest. Ein wenig zu fest; Meike verzog kurz das Gesicht. „Ich wollte Ihnen unbedingt sagen, dass ich Ihren Vortrag hervorragend fand. Was Sie über die Bedeutung von Kunst für die Kirchen sagten, überhaupt über Kunst und den Glauben, drückt genau das aus, was ich denke. Ich bin wirklich froh, dass ich hergekommen bin, denn eigentlich habe ich so kurz vor Weihnachten gar keine Zeit, um Vorträge zu besuchen, noch dazu, wenn sie so weit weg sind.“ „Woher kommen Sie?“, erkundigte Nikolai sich. „Wir wohnen in einem kleinen Dorf in der Nähe des Bodensees. Mein Mann ist Künstler, ich ebenfalls und unsere Tochter – nun ja, sie ist vier und malt zwar gerne, aber sie soll selbst herausfinden, wo ihre Neigungen liegen.“

Nikolai rieb sich unauffällig den Kopf, der schmerzte. Die Beule war besonders empfindlich, und er versuchte, sie nicht zu berühren. Die vitale Frau vor ihm strahlte ihn mit ihren leuchtenden Augen an. Er 78 freute sich immer, positives Feedback auf seine Vorträge zu erhalten, aber er wünschte sich, er wäre weniger müde und hätte kein Kopfweh. „Wissen Sie, dass ich nur wegen eines Käsekuchens hier bin?“, fragte Meike und lachte. „Was? Wegen eines Käsekuchens? Wie ist das zu verstehen?“, hakte Nikolai mühsam interessiert nach und setzte sich auf einen Stuhl in Erwartung einer längeren Geschichte, für die er sich im Stehen zu schwach fühlte. „Ein Nachbar brachte uns vor drei Tagen einen Käsekuchen. Der Kuchen war auf einer Kuchenplatte, die uns leider kaputtging. Wir fuhren also los, um einen Ersatz zu besorgen, und wurden schließlich fündig in einem Ort, in dem wir noch nie waren. Gleich neben dem Geschäft war ein Buchladen, wo mir eins Ihrer Bücher in die Hände fiel. Zu Hause ging ich im Internet auf die Webseite, die hinten in dem Buch angegeben war, und dort fand ich eine ganze Reihe von Terminen, darunter auch diesen hier.“

Nun staunte Nikolai doch. „Tatsächlich, ein Käsekuchen hat Sie hierhergeführt? Mir ging es ganz ähnlich, um ein Haar wäre ich überhaupt nicht hergekommen. Noch gestern befand ich mich in München, ohne Geld und ohne Erinnerung. Ich habe es nur einem sehr freundlichen Ehepaar zu verdanken, dass ich jetzt hier bin. Ein Erlebnis übrigens, das den Aspekt des christlichen Glaubens, den ich in meinem Vortrag beleuchtete, entscheidend beeinflusst hat.“ Er gähnte. „Entschuldigen Sie bitte, ich war erst sehr spät zu Hause und spüre noch die Nachwirkungen meines Abenteuers.“

„Wissen Sie eigentlich, dass Sie eine frappierende Ähnlichkeit mit dem Weihnachtsmann haben?“, entgegnete Meike. Nikolai nickte. „Oh ja, das sagt man mir dauernd. Gestern hielt ich es sogar selbst für möglich, der Weihnachtsmann zu sein.“ Meike lachte kurz, dann wurde sie wieder ernst. Es war Zeit, zum Punkt zu kommen. „Ich wollte Ihnen noch etwas mitteilen: Wegen Ihres Vortrages habe ich mich entschlossen, eins meiner Bilder einer Gemeinde zu schenken. Ich habe einige meiner Werke dabei, um sie auf dem Rückweg bei der Galerie abzugeben, die sie für mich verkauft. Darunter ist ein ganz spezielles, das meiner Meinung nach sehr gut 79 in einen Gottesdienstraum passen würde. Es ist eigentlich sogar mein liebstes Bild und auch das größte, das ich momentan habe. Ich würde es Ihnen gerne zeigen und Sie fragen, was Sie davon halten.“

Nikolai war einverstanden und erhob sich, um seine Tasche zu packen und in seine Jacke zu schlüpfen. Draußen erwarteten sie ein graupelartiger Niederschlag und eine feuchte, unangenehme Kälte. Es herrschte reger Betrieb auf der Straße an diesem Adventssamstag, doch die Lichterketten auf beiden Seiten verbreiteten trotz allem eine schöne Stimmung, gerade in diesem trüben Tageslicht. Nikolai folgte Meike zu ihrem Wagen, einem Van, in dem hinten die Sitzbänke herausgenommen waren, um Platz für einige Gemälde unterschiedlicher Größe zu schaffen. Jedes war geschützt von einer rauen Stoffdecke. Meike brauchte nicht lange und bugsierte das größte Werk nach vorne, entfernte den Stoff und sagte: „Das ist es.“

Höchst erstaunt beugte Nikolai sich in den Wagen und betrachtete das Bild, das ungefähr zwei Meter breit und eineinhalb Meter hoch war. „Wie sagten Sie, ist Ihr Name?“ Meike sah ihn verlegen an. „Entschuldigen Sie bitte, ich habe mich gar nicht vorgestellt. Meike Vanderreet.“ „Natürlich, ich kenne einige Ihrer Werke! Das ist ganz beachtlich, ganz beachtlich!“ Nikolai war fassungslos. „Und Sie sind sicher, dass Sie dieses Bild verschenken wollen? Sie könnten mindestens vierzigtausend dafür bekommen, vielleicht sogar sechzig!“ Meike nickte nachdrücklich. „Verzeihen Sie, aber das müssen Sie mir erklären“, bat Nikolai.

Meike räusperte sich und holte tief Luft. „Ich sagte ja schon, dass mir die Idee durch Ihren Vortrag kam. Ich bin Christ und glaube fest daran, dass wir Gott mit unseren Gaben und Talenten dienen sollen. Schließlich haben wir sie von ihm. Natürlich weiß ich, dass Kunst, und gerade die Malerei, schon immer auch zum Glauben und zu den Kirchen gehörte. Allerdings wurde mir im Lauf des Morgens deutlich bewusst, dass ich, Meike Vanderreet, ganz persönlich einen Beitrag leisten sollte. Ich diene Gott mit meinen Werken, und meine Werke wiederum sollen dazu dienen, anderen Christen etwas mitzuteilen und sie näher zu Gott zu bringen. Deshalb habe ich mich auch für dieses 80 Bild entschieden. Als ich damit anfing, befand ich mich in einer Krise, doch im Laufe der Entstehung durchlebte ich verschiedene Phasen, bis ich mich schließlich Jesus so nahe fühlte wie nie zuvor und wusste, dass er in der ganzen Zeit bei mir war und mich gestärkt hat. Ich sehe das in diesem Bild, wann immer ich es anschaue, aber das ist natürlich keine Überraschung.“ Sie lächelte verschmitzt.

Nikolai schwieg eine Weile und ließ sich das Gehörte durch den Kopf gehen. „Also, ihr Christen gebt mir derzeit ganz schön zu denken“, meinte er schließlich. „Es scheint mehr am Glauben zu sein, als ich bisher wusste. Nichtsdestotrotz, falls Sie noch keine bestimmte Gemeinde im Auge haben, wüsste ich, glaube ich, genau die richtige für das Bild. Ich kenne da einen Pastor, der sich riesig freuen würde. Er hätte ein gutes Weihnachtsgeschenk bitter nötig.“

Meike war einverstanden. Sie packte das Bild vorsichtig wieder in seine Schutzhülle und ließ Nikolai dann auf dem Beifahrersitz Platz nehmen. Er sagte, sie würden etwa eine Stunde bis zu ihrem Ziel in Witten brauchen. Meike ließ sich von ihm durch die Stadt lotsen. Sie unterhielten sich nicht viel, weil sie sich auf den Verkehr konzentrieren musste, doch als sie die Stadtgrenzen hinter sich gelassen hatten, forderte Nikolai Meike auf: „So, und nun erklären Sie mir doch mal, was Weihnachten für Sie als Christ und Künstlerin bedeutet."


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