Wenn’s zu doll wehtut Von Schicksalsschlägen, Tod und Trauer



Manchmal ist es die Scheidung der Eltern, die einen innerlich in ein dunkles Loch stürzen kann. Oder eine schlimme Krankheit. Oder der Tod eines geliebten Menschen. Erfahrungen und Tipps – auf dem Weg zurück ans Licht.




Die Flucht vor dem Schmerz
Jenns langer Weg, um den Tod ihres Bruders zu verkraften


Jenn stieg vorsichtig aus dem Wagen aus, damit sie nicht versehentlich mit ihren silbernen Absätzen auf das rosa Kleid trat, das sie für den Abschlussball angezogen hatte. »Glaubst du, Mom hat für uns nach dem Ball noch eine Party arrangiert?«, fragte Jenn ihre Begleitung für den Abend, als sie all die Autos und Menschen bemerkte. Bevor sie eine Antwort bekommen konnte, stand plötzlich der Vater ihrer Begleitung vor ihnen. »Jenn, ich fürchte, etwas Schreckliches ist passiert. Es geht um Eric. Er ist ... Er ist tot.« Eric. Ihr 14-jähriger Bruder. Was ist das für ein bescheuerter Scherz? 14-Jährige sterben nicht, ging es ihr durch den Kopf. Aber es stimmte.

Alles bedeutungslos

Eric war mit ein paar Freunden unterwegs gewesen, als ein anderer Junge aufgetaucht war, der in einem etwas entfernteren Viertel wohnte. Es kam zu einer Prügelei, und der andere Junge zog ein Messer und stach Eric ins Herz. Sein bester Freund, sein zehnjähriger Bruder und dessen Freund mussten hilfl os zusehen. Eric war sofort tot. Der Täter wurde für unschuldig erklärt. Dem Schock folgte eine lähmende Taubheit. »Vor dem Tod meines Bruders war mein Plan, die Highschool fertig zu machen, ein College zu besuchen, Anwältin zu werden und zu heiraten«, erzählt Jenn heute. »Plötzlich wurde das alles infrage gestellt. Ich hatte keine Pläne mehr, ich hatte keine Ziele mehr. Es gab nichts mehr, worauf ich mich freuen konnte.«

Nichts mehr spüren


Jenns Mutter hatte ihre Kinder zum Glauben an Gott erzogen. Doch Jenn entschied sich dafür, nicht mehr an Gott zu glauben. »Allein der Gedanke an Gott machte mich so wütend, dass ich überhaupt nichts mehr mit ihm zu tun haben wollte«, sagt Jenn. »Nachdem mein Bruder gestorben war, kiffte ich zum ersten Mal.« Doch das Marihuana war nicht stark genug, um ihre Gefühle zu beruhigen. Aus unterdrückter Wut wurde eine klinische Depression. Dann folgten Panikattacken. Sie ging zu einem Psychiater, der ihr starke Medikamente verschrieb. »Durch die Pillen habe ich überhaupt nichts mehr gespürt. Wenn ich eine genommen hatte, fühlte ich gar nichts – ob ich traurig war, ob ich nervös war, ob ich wütend war oder was auch immer.« Das wurde zu ihrem neuen Ziel – nichts zu fühlen, betäubt zu sein.

Ganz unten

»Ich fing damit an, mich mit Leuten abzugeben, die mir Drogen besorgen konnten. Ich bekam immer öfter Ärger.« Jenn wurde zu einem Jahr auf Bewährung verurteilt, weil man sie bekifft beim Autofahren erwischt hatte. Sie verlor den Führerschein, aber sie kiffte weiter. »Ich wurde ein Mensch, den ich selbst nicht mehr kannte. Meine ganze Aufmerksamkeit war auf das Beschaffen von Drogen gerichtet. Meine Familie machte sich große Sorgen; sie wussten nicht, was sie machen sollten. Dabei wussten sie noch nicht einmal, wie schlimm es wirklich war, weil ich die Drogen vor ihnen versteckte. Ich funktionierte ja weiterhin«, erzählt Jenn. Manchmal trank sie dazu noch Alkohol. Während eines besonders bösen Streits mit ihrer Mutter sagte Jenn einige schreckliche Dinge, die ihr schon bald leidtaten. Als sie anrief, um sich zu entschuldigen, brach sie am Telefon zusammen. Jenn sah keine Hoffnung mehr, dem Leben zu entkommen, das sie sich geschaffen hatte. »Mom, ich brauche Hilfe«, weinte Jenn.

Zurück ins Leben

Ihre Familie sorgte dafür, dass Jenn in einem christlichen Therapiezentrum unterkam. Am Anfang dachte sie, die religiösen Dinge, über die dort geredet wurde, seien »Mist«. Aber mit der Zeit ließ sie sich darauf ein. »Ich war nicht so blöd, dass ich dachte: Ich hab Recht und diese Leute sehen das alle falsch«, sagt Jenn. »Nach und nach schmolz Gott mein Herz. Er machte es weich. Mir wurden die Augen geöffnet. Langsam ergab alles einen Sinn. Das ist genauso mit der Bibel – ich kapiere genau, was sie mit dem Leben heute zu tun hat. Das ist nicht einfach ein altes Buch. Es handelt vom Jetzt, es ist ewig gültig. Gott ist wunderbar. Jeden Tag werden mir die Augen geöffnet, so dass ich neue Dinge lernen kann.« Jenn beendete das Programm erfolgreich und kehrte »clean« zu ihrer Familie zurück. Zum ersten Mal seit Erics Tod wollte sie etwas fühlen – die Liebe und die Freude, die sie in Jesus gefunden hatte.

Text_Diese wahre Geschichte ist ein bearbeiteter und gekürzter Auszug aus dem neuen Buch »Du bist geliebt« von Rebecca St. James (Gerth Medien), das viele solcher Stories enthält.



Der Sommer des Abschieds
Christines letzte Monate mit ihrem Großvater


Es fing im Sommer vor drei Jahren an. Mein Opa kam wieder ins Krankenhaus. Die Male davor hatte er gut überstanden, er war immerhin recht vital für sein Alter gewesen und die kräftige Stimme unterstrich seine geistige Klarheit. Obwohl er diesmal wegen eines Zusammenbruchs ins Krankenhaus musste, wollte ich Ruhe bewahren. Das wird schon, dachte ich. Die nächste Nachricht machte mich dann aber nachdenklich. Meinem Opa wurde erst ein Bypass im Bein gelegt, dann musste es amputiert werden. Das jahrzehntelange Rauchen forderte seinen Tribut. Jetzt wurden auch die Ärzte ernster. Wir sollten uns Dokumente von ihm unterschreiben lassen, die den Fall der Fälle regelten. Solange er noch kann, war der Nachsatz. Es wurde klar, dass sich etwas verändern würde.

Nicht mehr viel Zeit

Uns standen eine Menge schwerer Entscheidungen bevor. Unter anderem die, ob wir ihn nach dem Krankenhaus aufnehmen oder in einem Pfl egeheim unterbringen sollten. Er war nicht mehr in der Lage, allein zu leben. Bis dahin hatte ich kaum an der Situation teilgenommen, weil mir meine Ferienarbeit Zeit und Nerven raubte. Erst jetzt merkte ich, dass wir in eine bestimmte Richtung steuerten und wurde nervös. Ich fühlte mich wie in einem Schraubstock.

Verändert und auf dem Weg

Die Wahl des Pflegeheims war nicht leicht und mein erster Besuch dort auch nicht. Ich hatte ihn zuvor nicht besuchen können und hatte Schwierigkeiten, ihn wiederzuerkennen. Sogar heute besteht immer noch ein Unterschied zwischen dem Opa aus meinen früheren Erinnerungen und dem Mann in dem Krankenbett. Die vier Wochen Krankenhaus und die Operationen innerhalb kürzester Zeit hatten ihn Kraft gekostet. Er war dünn geworden und sehr in sich gekehrt. Den Rollstuhl neben dem Bett wollte er nicht anrühren, seine Umwelt schien ihn nicht mehr zu erreichen. Er wollte sich gar nicht erst umsehen. Denn er hatte nicht vor, lange zu bleiben.

Füreinander da

Er verließ uns an einem Sonntag. Ganz plötzlich und schnell. Wir konnten uns nicht verabschieden. Als wir ankamen, war er bereits verstorben. Die Monate danach waren nicht leicht. Meine Mama war in dieser Zeit ziemlich angeschlagen und es hat eine Zeit gedauert, bis sie wieder lachen konnte. Wir haben sie unterstützt, wo es nur ging. Als Familie waren wir füreinander da, haben viel füreinander gebetet und dienten uns gegenseitig als Kraftspender. Ich bin mir sicher, dass Gott uns in dieser Zeit nicht allein gelassen hat. In meinem Kopf war immer eine Stimme, die mir Zuversicht gab.

Schöne Erinnerungen

Das Wichtigste in dieser Zeit war aber, nicht nur stark zu sein, sondern auch die Trauer zuzulassen. Ich habe für mich die Erfahrung gemacht, dass es nicht lange gut läuft, das Ganze zu leugnen und weiterzumachen wie bisher. Ich wollte die Trauer nicht jahrelang mit mir herumschleppen und zulassen, dass sie mich innerlich zerfrisst. Mir hat es geholfen, die Monate vor und nach Opas Tod immer wieder durchzugehen. Ich bin aber auch noch weiter in der Zeit zurückgereist, zu den vielen schönen Erinnerungen und habe meinen Opa unterm Weihnachtsbaum besucht. Dort sitzt er immer noch und lacht dröhnend über seine Kindertage.

Getrauert_Christine Mansch erinnert sich immer gerne an all die spannenden Geschichten, die ihr Großvater auf seinen Weltreisen erlebt hat.


Tipps, um mit seelischem Schmerz richtig umzugehen gibt es in der aktuellen teensmag.

Labels: Abschied, Trauer, Schmerz, Flucht, Tod, Schicksalsschläge


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