Alleingelassen, traurig, außenstehend und unverstanden. Früher hat Hanna (Name von der Red. geändert) sich oft so gefühlt. Stundenlang saß sie an ihrem Schreibtisch und starrte einfach so vor sich hin, vollkommen gedankenverloren und kurz vorm Heulen, während ihre Freundinnen im Sonnenschein ins Freibad gingen. Heute ist Hanna Mitte Zwanzig und hat eine Therapie hinter sich. Hanna litt an Depressionen. Als Jugendliche äußerte sich das in Phasen, in denen sie sich nicht erklären konnte, warum sie so traurig und lustlos war, sich einsam fühlte, obwohl sie von Freundinnen umgeben war. Ihre Eltern konnten ihr auch nicht wirklich helfen und gaben ihr pflanzliche Beruhigungsmittel, die ihre Stimmung aufhellen sollten. Nach ein paar Tagen oder Wochen war die miese Stimmung dahin und das Leben war wieder schön.
Bis es nicht mehr weiterging
So ging es einige Jahre, bis Hanna vor drei Jahren zusammenbrach. Lange redete sie mit keinem über ihre Gedanken, nämlich dass sie sich überfordert fühlte, Angst vor der Zukunft hatte, nicht wusste, was sie genau kann, warum sie wertvoll und von Gott geliebt ist. Sie hatte das Gefühl, bei allem und jedem immer am Rand zu stehen, als Zuschauer das Leben zu betrachten, ohne wirklich teilhaben zu können. Sie hatte Angst, dass man sie anraunzen würde, wenn sie sagte, sie käme mit dem Leben grad nicht klar. Hatte Angst, gesagt zu bekommen, sie solle sich nicht so anstellen, anderen ginge es doch viel schlechter. Bis es einfach nicht mehr weiterging. Sie weinte und weinte und erzählte ihrer Mutter von ihren Gefühlen. Diese schickte sie sofort zum Arzt, der Depressionen diagnostizierte, ihr Medikamente gab und eine Therapie veranlasste. Drei Jahre später geht es Hanna wieder gut. Manchmal glaubt sie, es könne wieder losgehen, aber sie hat die Isolierung, die Hilflosigkeit und das Unverständnis sich selbst gegenüber schon einmal überstanden. Sie schafft es auch wieder.
Depression kann jeden treffen
So wie Hanna geht es immer mehr Jugendlichen. Warum das so ist, versuchen Ärzte und Wissenschaftler seit Langem herauszufinden. Doch den genauen Grund für die Depression kennt niemand. Es hat ein bisschen was mit Vererbung, ein bisschen mit der Persönlichkeitsstruktur und ein bisschen mit den Lebensumständen, wie Stress in der Schule oder Zuhause und einer Unterversorgung des Gehirns mit dem Botenstoff Serotonin zu tun. Klar ist aber, Depressionen können jeden treffen. Egal wie alt, egal ob männlich oder weiblich. Drei bis zehn Prozent der Teenager, vor allem mehr Mädchen als Jungen, leiden an Depressionen. Die Symptome sind dabei nicht immer leicht zu erkennen. Bei dem einen tritt vermehrt Aggression auf, der andere hat extreme Gewichtsschwankungen oder Schlafstörungen. Wieder andere sind traurig, apathisch und werden leistungsschwach oder haben Selbstzweifel. Da das aber auch einfach so, mitquasi als Begleiterscheinungen der Pubertät, auftauchen kann, ist es nicht leicht, eine Depression zu diagnostizieren. Deshalb ist es gut, schnell mit Eltern, Lehreren, Jugendleitern oder Freunden in Kontakt zu treten und sich Hilfe z.B. von einem Arzt oder Therapeuten zu suchen.
Hilfe suchen
Hanna hat zuerst versucht, ihre Depression vor ihren Freunden geheimzuhalten. Immerhin haftet depressiven Menschen immer das Vorurteil an, sie seien zu schwach, um ihr Leben in den Griff zu kriegen, während alle anderen Menschen das spielerisch könnten. Doch Hanna fand irgendwann den Mut, ihre Freunde einzuweihen und entgegen ihrer Befürchtungen, reagierten alle verständnisvoll, machten ihr Mut, äußerten sich nicht weiter zu ihren Stimmungsschwankungen und übernahmen sogar das Beten für sie in Momenten, in denen sie einfach keine Worte fand. Freunde und die Familie sind eine wichtige Stütze. Aber es ist schwierig, das richtige Maß zu finden, zwischen Trösten und Ermutigen, zwischen liebevollem Ermahnen und in Ruhe lassen, da Freunde und Angehörige selbst oft total hilflos sind und nicht genau wissen, wie sie auf den Betroffenen reagieren sollen. Doch da bieten Vertrauenspersonen, Seelsorger, Jugendleiter, Lehrer, Eltern oder das help!-Team von teensmag Unterstützung an.
»Bei Depressionen geht es um Freudlosigkeit und Leere«
Die psychologische Beraterin Sabrina von Hopffgarten im Interview
Woher merke ich bei mir oder bei einem/r Freund/in, dass die schlechte Stimmung nicht nur eine Phase, sondern eine echte Depression ist?
Frau von Hopffgarten: Erstmal muss man wissen: Ich muss und kann es als Freund/in oft gar nicht richtig erkennen. Wenn jemand an einer Depression erkrankt ist, muss das vom Fachmann abgeklärt werden. Traurigkeit an sich ist etwas sehr Wichtiges, ein ganz gesunder Mechanismus. Bei einer Depression geht es nicht so sehr um Traurigkeit, sondern eher um Freudlosigkeit, eine Leere. Bei Jugendlichen kommen oft Interessenlosigkeit, Konzentrationsprobleme und Schlafprobleme dazu. Man kann sich nicht mehr aufraffen, irgendwas zu tun und es fällt einem schwer, sich auf andere einzulassen. Wenn das mehr als zwei Wochen anhält, ist es auf jeden Fall gut, das abklären zu lassen. Je früher das erkannt wird, desto schneller kann auch eine Erkrankung versorgt werden.
Was kann ich bei mir selber gegen die Depression tun und wie kann ich Freunde unterstützen, die unter Depressionen leiden?
Gegen schlechte Stimmung hilft erst einmal alles, was Spaß macht. Als Freund/in kann ich immer meine Beziehung wertschätzend entgegenbringen und einfach da sein. Als Freund/in ist es gut, sich selbst zu dem Thema zu informieren, zu einer Beratungsstelle zu gehen und vielleicht einen Flyer mitzunehmen, den man dem Betroffenen gibt und ihm auch anbieten, dorthin mitzukommen.
Sind Depressionen ein Zeichen dafür, als Christ versagt zu haben, weil man zu wenig auf Gott vertraut?
Ich finde die Frage gut, weil einem so ein Gedanke in so einer Situation leicht begegnen kann. Es ist nicht sinnvoll, Druck zu machen. Total toll ist, dass Gott uns seine Beziehung anbietet und er es liebt, mit uns zusammen zu sein. Aber es ist keine Selbstverständlichkeit, dass wir ihn auch immer spüren. Und gerade in einer Depression ist es so, dass Gefühle sich fast wie abgeschnitten anfühlen und es ganz schwer ist, Gott zu spüren oder zu erleben. Aber Gott schafft Raum, damit Dinge sich klären und Veränderung passieren kann. Und natürlich ist Gebet und Beistand, Wertschätzung und Beziehung immer etwas sehr Förderliches.
Viele haben Angst vor einer Therapie. Was genau passiert denn in einer Therapiesitzung?
Man geht hin, stellt sich vor und lernt sich und auch den Therapeuten kennen, der einem anbietet, dass er mitdenkt, mitgeht und Möglichkeiten und Wege aus der Depression heraus schafft. Und wenn man merkt, man will das nicht, dann kann man das auch sagen oder auch wieder gehen. Wenn man bleibt, versucht man herauszufinden, was hinter der Depression steckt und ganz kleine, machbare Schritte aus dem Zustand heraus zu gehen. Es ist eine Unterstützung, eine Beziehung, die aufgebaut werden kann.
Zum Schluss: Ich merke, ich brauche Hilfe! Wo gehe ich dann am besten hin?
Man kann im Telefonbuch oder im Internet nach Beratungsstellen suchen, die Telefonseelsorge anrufen oder auch, wenn es das gibt, einen Schulpädagogen oder Schulpsychologen ansprechen oder den Pastor oder Jugendleiter. Man kann aber auch den Hausarzt fragen.
Text und Interview_Hella Thorn hat auf ihrem iPod einen Soundtrack für traurige Momente.