Alles Gaga!? Ein Blick auf die Kunst- und Kultfigur. Und die religiösen Winks in ihren Songs



Mal ehrlich: Was soll man über diese Frau noch schreiben, was nicht längst geschrieben wurde? Miss Gaga zelebriert ihr gesamtes Leben ja dermaßen in der Öffentlichkeit, dass man aktiv vor ihr auf die Flucht gehen muss, um nicht ständig mit der Nase auf sie zu stoßen.

Monstermäßig präsent, die Sängerin. Und dabei durch soziale Netzwerke so nah dran an ihren Fans, die sie liebevoll »kleine Monster« nennt, wie sonst kein anderer Star. Allein bei Twitter folgen über 9,5 Millionen Leute den Kurznachrichten der berühmt- berüchtigten Künstlerin. Damit ist sie bei der Kommunikationsplattform die Nr. 1 der meist gelesenen Tweets ...

Das Gesamtkunstwerk


Stefani Gabriella Germanotta heißt die schrille Gaga in Wirklichkeit. Sie ist 25 Jahre alt und waschechte New Yorkerin. Wie der Nachname andeutet, fließt auch ein bisschen italienisches Blut in ihren Adern – väterlicherseits. Schon als Teenager lebte Stefani ihre exzentrischen Seiten aus, die sie heute perfektioniert auf der Bühne in Szene setzt. Damit hat sie sich nicht nur Freunde gemacht: Während der High School-Zeit habe sie sich als Freak gefühlt und sei oft ausgelacht worden, vertraute die Künstlerin dem Magazin InTouch an. Im Interview mit der Zeitschrift verteidigte sie ihr sonderbares Auftreten: All ihre Verrücktheiten mache sie für ihre Fans. Die »kleinen Monster« verstünden, was es heißt, Außenseiter zu sein.

Provokant und talentiert

Abgedreht geht’s bei Lady Gaga eigentlich immer zu. Kein Auftritt ohne freizügige und extravagante Designer-Outfits, meist inklusive knallbunten Perücken und crazy Make-up. Kein Musikvideo ohne laszives Räkeln und Tanzen vor der Kamera. Unvergessen auch ihr Kleid aus rohem Fleisch, das sie 2010 bei den MTV Music Awards trug. Dieses Jahr tauchte sie bei der gleichen Veranstaltung als schmieriger Macho namens Joe Calderone auf.

Provozieren hat die Lady also drauf. Singen kann sie allerdings auch. Muss man ihr neidlos zugestehen. Die Stimme hat Potential und wurde von Miss Germanotta schon früh trainiert. Angeblich begann sie bereits mit vier Jahren Klavier zu spielen und schrieb mit 13 ihre ersten eigenen Songs.

Hin-und hergerissen


Auch heute schreibt sie die Texte zu ihren Liedern selbst. Schaut man sich die genauer an, drängen sich einige Fragen auf. Zum Beispiel bei »Judas«, einer ihrer letzten, sehr erfolgreichen Single-Auskopplungen. In der rockig-röhrenden Nummer von ihrem dritten Album »Born This Way« besingt Lady Gaga ihre Liebe zu einem Typen namens Judas. Durch den Text steigt man nur schwer durch. Einerseits heißt es da: »Ich bin in Judas verliebt. (…) Wenn er mich ruft, bin ich bereit. Ich werd ihm die Füße mit meinen Haaren waschen, wenn er das will.« Andererseits schreibt sie: »Ich werd ihn zur Strecke bringen, er ist ein König ohne Krone. » Und: »Ich möchte dich lieben, aber irgendetwas zieht mich von dir weg. Jesus ist meine Tugend, aber Judas ist der Dämon, an dem ich hänge.«

Schräge Video-Message

Im Video dazu geht es so richtig ab. Da braust die Sängerin zu Beginn in knappen Klamotten mit einer Motorradgang über den Highway. Auf den Bikerjacken tragen die Fahrer Namen wie John (Johannes) und Thomas, also Namen der Jünger Jesu, über aufgestickten Totenkopfsymbolen. Gaga selbst klammert sich an einen Mann mit goldglitzernder Dornenkrone, dessen Lederkombi den Namen Jesus ziert. Aber das ist nur der harmlose Beginn. Was danach kommt, lässt sich am besten als Tanz-Sauf-und-Schläger-Orgie zu finsteren Beats beschreiben, unterbrochen von einem süßlich, poppigem Refrain. Gaga, die sowas wie eine biblische Maria Magdalena in Nylonstrümpfen darstellt, kann sich im Video nicht entscheiden zwischen dem draufgängerischen Judas und dem wie ein treudoofer Dackel schauenden Jesus. Am Ende wird Gaga alias Maria Magdalena von einer wütenden Meute gesteinigt. Viele Fragezeichen. Was genau will die selbst ernannte Monster-Mama mit solch verstörenden Songs über biblische Persönlichkeiten ihren Fans bloß mitteilen? Dass Jesus ein harmloser, etwas langweiliger Loser war im Gegensatz zu so einem aufregend-gefährlich daherkommenden Verräter wie Judas? Dass böse Dämonen eigentlich doch ganz nett und liebenswert sind?

»Ich versuche, mich brav an Jesus zu halten.«

Die Künstlerin hat in einem Interview mit E!Online einiges über »Judas« verlauten lassen. So erzählt sie, dass es in dem Lied eigentlich um Ex-Freunde gehe, die zwar schlecht zu ihr gewesen seien, zu denen sie aber immer wieder zurückkehre. Um die Botschaft ihrer Lieder richtig rüberzubringen, denke sie immer wieder darüber nach, wie sie dem ganzen mehr Tiefe und Symbolik verleihen könne. »Judas« sei eine Metapher (yes, wie im Deutschunterricht!), also ein Bild für Betrug, Vergebung und Dunkelheit. Alle drei sollte man im Leben als Herausforderung sehen und nicht als Fehler, so Gaga. In einem anderen Interview, erschienen im Schweizer Magazin »Friday«, bestätigt sie allerdings auch den biblischen Bezug des Songs. Und gibt einen minikleinen Einblick, wie Glaube bei Lady Gaga aussieht: »Ich versuche mich brav an Jesus zu halten, aber hinter mir steht immer Judas, der Verräter.« Darauf angesprochen, ob sie sich nach dem Bösen sehne, antwortet die Sängerin: »Mir ist klar, dass das Böse zu mir gehört. Ich bin damit geboren worden. Und Judas symbolisiert eben all meine falschen Entscheidungen.«

Religiöse Rätsel

Nicht nur in »Judas«, auch in anderen Liedern auf ihrer Platte »Born This Way« macht Gaga textliche Abstecher in den religiösen Bereich. Da wären noch »Bloody Mary«, »Black Jesus + Amen Fashion« oder »Electric Chapel« – alle mit christlichen oder zumindest spirituellen Bezügen. Woher Lady Gaga ihre Ansichten über den Glauben hat, lässt sich nur vermuten. Die Sängerin ging als Kind auf eine katholische Mädchenschule. Im E!Online-Interview erzählt sie, dass sie bis zu ihrem 18. Lebensjahr von Jesus und Religion ein ganz bestimmtes Bild hatte, das von ikonischen Darstellungen (der katholischen Kirche) geprägt war. Kurz überlegt: Diese Ikonenbilder zeigen Jesus tatsächlich häufig mit sanftem Gesicht und goldener Dornenkrone. Anscheinend empfand Stefani Germanotta diese Jesus-Perspektive und das, was sie in der Schule über die christliche Religion gelernt hatte, als zu starr. Jedenfalls schwärmt sie gegenüber der Interviewerin von einer neuen Art zu denken, die sie mit 18 bei ihrem Umzug nach Downtown New York kennen lernte. Und wie sieht die aus?

Das Licht finden?


Kritiker werfen Lady Gaga vor, dass sie ihren »kleinen Monstern« beibringe, sich um sich selbst zu drehen. Die Monster-Mama wolle ihre Fans dazu bringen, sich selbst zu lieben. Kein grundsätzlich verkehrter Ansatz. Viele Teens mögen die Sängerin gerade deswegen, weil sie sich in ihren Liedern und ihrer Andersartigkeit in schwierigen Zeiten gut aufgehoben fühlen. Gaga zeigt außerdem Engagement, z.B. gegen Mobbing, ein ernstzunehmendes Problem in Cliquen und Schulen. Sie beschäftigt sich angeblich viel mit Fragen nach Vorbildern, Zielen und dem Leid in der Welt. Aber ist die Antwort, die sie darauf in der Zeitschrift »Friday« gibt, wirklich eine Rettungsbotschaft? »(…) Zurzeit driften wir ab, ohne zu wissen, wohin. Deshalb suchen wir nach einem Licht. Unterm Strich geht es in meinem Album genau darum: um das Licht in dir selbst. Das Licht, das von innen heraus leuchtet. Wir müssen in uns hinein schauen, um das Chaos um uns herum zu verstehen.« Hm, das kann einen als Kleinmonster aber auch ganz schön überfordern – Licht in sich selbst suchen?! Licht aus sich selbst heraus produzieren müssen? Da macht das Jesus-Wort aus Johannes 8,12 doch irgendwie mehr Mut: »Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben.« Klare Ansage.

Mehr zu entdecken

Macht den Eindruck, als gäb’s für die Künstlerin noch einige neue Perspektiven zum Thema Vergebung, Licht und Dunkelheit zu entdecken. Schade, dass sie sich zwar mit Jesus und den biblischen Geschichten beschäftigt, diese aber nur als Metaphern benutzt. Und sie bewusst in so krasse und skandalträchtige Bilder umsetzt, dass sie damit Gläubige überall auf der Welt verärgert und Jesus ins Lächerliche zieht ...

Text_Rebecca Strunk startet gerade als Psychologin ins Berufsleben.

Labels: musik, Lady Gaga


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