Ein halbes Jahr lebe ich jetzt schon in Südafrika. Die Leute, die Umgebung, die Arbeit, das Land… das alles wird für mich immer mehr zum Zuhause. Und ich habe gemerkt, dass Alltag etwas total Wertvolles ist. Alltag hört sich zwar oft grau und eintönig an, aber wenn er für eine Zeit fehlt, merkt man erst, wie gut er einem tut.
Am Anfang meines Auslandsjahres musste ich mich erst in die Abläufe einfinden, mich einarbeiten. Alles war so neu und ungewohnt. Jetzt merke ich, wie wichtig es ist, auf lange Sicht hin feste Strukturen während seines Tages zu haben. Es gibt mir Sicherheit und Halt.
Die Arbeit mit den Mosaic Kindern macht mir viel Spaß. Manchmal ist es auch echt anstrengend bei fast 40 Tswana Kindern für Ruhe zu sorgen, aber ich habe sie trotzdem alle ins Herz geschlossen. Neben den vielen schönen Momenten, habe ich in letzter Zeit eine sehr traurige und schmerzhafte Erfahrung machen müssen: Louise (die Gründerin von meinem Projekt) hat Daniela (eine andere Freiwillige) und mich gebeten, einmal am Tag in das staatliche Krankenhaus zu gehen. Einer Pflegemutter geht es sehr schlecht und sie würde sich freuen, wenn sie ein bisschen Besuch bekommt.
Der erste Besuch im Krankenhaus hat mich echt geschockt. Die Zustände dort sind einfach unvergleichbar mit denen von einem deutschen Krankenhaus. Louise hat uns erzählt, dass die meisten Menschen dort nicht aufgrund ihrer Krankheit sterben, sondern verhungern: Sie sind nämlich oft zu schwach um selbst zu essen und es gibt niemanden, der sie dann füttert.
Minah, die Pflegemutter, war unvorstellbar dünn. Sie litt unter einem starken Husten, der für sie als Aidspatientin lebensgefährlich wurde.
Daniela und ich haben sie eine Woche lang jeden Tag besucht. Manchmal konnten wir ein bisschen mit ihr reden, an einem Nachmittag hat sie aber noch nicht einmal die Augen geöffnet. Sie hat nur geröchelt und stark gehustet. Jedes Mal haben wir eine der Krankenschwestern geholt, damit sie untersucht, ob zum Beispiel die Atemmaske noch richtig funktioniert. Sonst hätte das niemand gemacht.
Minah war die Pflegemutter von fünf Kindern, die jeden Tag zu uns ins Training Center kommen. Die Jüngste ist gerade mal vier. Vor einem Jahr ist ihre leibliche Mutter aufgrund von Aids gestorben. Minah war ihre Tante, bei der sie seitdem gelebt haben. An einem Samstag, an dem wir frei hatten, haben wir dann erfahren, dass Minah auch gestorben ist.
Das hat mich sehr mitgenommen. Man hört die ganze Zeit, dass Leute wegen Aids sterben, aber wenn man es dann mit eigenen Augen miterlebt, ist es wie ein Schlag ins Gesicht. Ich wusste nicht, was ich für die fünf Kinder, die innerhalb von einem Jahr ihre zweite Mutter verloren haben, tun kann. Ich konnte nur beten und bat Gott darum, dass er bei der Familie ist und sie segnet. Und dass er diese Last von mir nimmt, denn es muss ja weitergehen.
Ich muss sagen: Er hat es gemacht. Ich konnte Minahs Tod und das ganze Leid an ihn abgeben. Bei der Beerdigung eine Woche später habe ich nicht einmal mehr geweint. Ich war einfach nur von der Gewissheit erfüllt, dass Minah jetzt bei IHM ist und Gott für seine Kinder sorgt, egal was passiert.
Auch danach habe ich immer öfter gelernt, Dinge, die mich zu sehr beschäftigt haben, bei Gott einfach abzugeben. Dort sind sie am besten aufgehoben, nichts ist zu schwer für ihn.
Die fünf Waisenkinder kommen nach wie vor jeden Tag ins Training Center um Hausaufgaben zu machen. Sie sind von Mosaic und Gott gut aufgefangen worden.
Ich bin gespannt, welche Erfahrungen und Herausforderungen im nächsten Monat auf mich warten. Und ich kann es kaum erwarten, den Segen Gottes in meinem Alltag in Südafrika hautnah mit zu erleben.
Eure Nora