Silbermond: Thomas Stolle, Stefanie Kloß, Johannes Stolle und Andreas Nowak (credit Harald Hoffmann)

Silbermond ist mit leichtem Gepäck unterwegs

Mit ihrem neuen Album, das Goldstatus erreicht hat, tourt Silbermond nun durch Deutschland. Bevor es losgeht, haben sie sich Zeit genommen, um mit TEENSMAG über die neuen Songs, Aufräumen und Gott zu reden – das Interview haben wir in Ausgabe 3/16 abgedruckt. Was Sängerin Stefanie Kloß und Schlagzeuger Andreas Nowak darüber hinaus erzählt haben, kannst du hier nachlesen.

 

»Denn die mit den guten Geschichten sind immer die Mutigen!«

 

TEENSMAG: Wie mutig ward ihr am Wochenende? Könnt ihr eine gute Geschichte mit uns teilen?

Stefanie: (lacht) Das ist eine sehr gute Frage. Andreas?

Andreas: Ich war bei meiner Oma in Bautzen, weil sie einen Preis für soziales Engagement bekommen hat. Das fand ich ganz toll. Sie war in der Vergangenheit mutig. Ich war nicht so mutig wie meine Oma, die jetzt 89 Jahre alt ist. Sie war ganz aufgeregt, weil sie eine Rede gehalten hat. Das fand ich süß. So viele Reden hat sie nicht in ihrem Leben gehalten.

 

Wie habt ihr entschieden, wie euer aktuelles Album klingen soll?

Stefanie: Vom Stil her ist es eine klassische Band-Platte. Uns war es diesmal wirklich wichtig, dass wir wieder bei dem anfangen, was für einen Song ausschlaggebend ist. Das sind wir vier: Gitarre, Bass, Schlagzeug, Gesang. Dann erst haben wir geguckt, was der Song noch braucht. Es gab zwei, drei Songs, bei denen es sich anbot, ein richtiges Orchester spielen zu lassen. Für »Symphonie« haben wir damals schon mit dem Babelsberger Filmorchester zusammengearbeitet. Das war eine tolle Erfahrung. Es ist etwas anderes, ob du künstliche Streicher vom Computer oder ein richtiges Orchester spielen hörst. Bei echten Streichern kommen mir fast die Tränen, weil sie so eine Magie aufmachen. Das wollten wir für bestimmte Songs auf dieser Platte wieder haben.

 

Im Song »Heute hab ich Zeit« sprichst du, Stefanie, einen großen Teil des Textes statt zu singen.

Stefanie: Thomas hatte diese musikalische Idee und es hat sich auf natürliche Art und Weise ergeben, das mal auszuprobieren. Ein großes Motto bei dem Album war es, die Angst wieder zu verlieren. Je mehr Erfolg wir über die letzten Jahre hatten, desto mehr Druck haben wir uns gemacht. Wir haben gemerkt, dass Leute von außen viel erwartet haben. Da hieß es nicht: »Hach, Silbermond macht eine Platte. Mal sehen.« Sondern: »Ey, Silbermond macht eine Platte. Da gucken wir genau hin.« Zumindest haben wir uns diesen Druck eingeredet. Deswegen lautete bei dieser Platte die Überschrift: Lasst uns versuchen, wieder ein bisschen Leichtigkeit reinzubekommen, und keine Angst haben, Sachen auszuprobieren. Dafür bin ich sehr dankbar, weil das ein Grund war, dass dieser Song so entstehen konnte.

 

Wieder mal ausmisten

»Leichtes Gepäck« habt ihr das Album genannt. Wie seid ihr dazu gekommen, mal auszumisten?

Andreas: Ausmisten kann sich auf Materielles beziehen und auf Emotionales, Psychisches. Man muss immer irgendwie ausmisten. Also reflektieren und fragen: Brauche ich das noch? Tut mir das gut? Es ist wichtig, sich immer zu reflektieren. Wir als Band fragen uns genauso: Ist das schön? Machen wir noch gute Musik? Mag ich den Typen am Bass noch? Man muss immer weitergucken. Das ist eine Lebensaufgabe, die sich durch alle Bereiche zieht.

 

Welchen Ballast schleppt ihr mit euch rum?

Stefanie: Bei den greifbaren Dingen ist das mein Kleiderschrank zuhause. Immer wieder muss ich mir sagen, dass ich nicht mehr und mehr brauche, sondern regelmäßig ausmisten und meinen Schrank auf den aktuellen Stand bringen sollte. Es geht weiter mit den vielen Gedanken, die man sich macht. »Ist das richtig – und warum? Bin ich gut genug? Welche Fehler habe ich? Was kann ich besser machen? Wie kann ich dem anderen gegenüber ein besserer Freund, eine bessere Freundin oder Tochter sein?« Wenn ich darüber nachdenke, kann ich auch mit dem anderen darüber reden. Es gehört zum leichten Gepäck, nicht so viele Sachen emotional mit sich herumzuschleppen.

 

»Ab heut nur noch die wichtigen Dinge« heißt es im Lied. Was darf in eurem Gepäck nicht fehlen?

Andreas: Woah, was darf nicht fehlen? (überlegt) Wichtig sind Einfühlungsvermögen und eine gewisse Selbstlosigkeit. Manchmal denkt man so viel an sich. Das schafft mehr Grenzen, als man haben will. Daher sind Mitgefühl und Selbstlosigkeit gute Attribute, um besser und leichter durchs Leben zu gehen.

Stefanie: Und als Band sind das natürlich wir vier. Das haben wir für uns herausgefunden: Neben all dem, was da draußen ist, was um die Band herum wichtig war und worum wir uns gekümmert haben, daneben sind wir vier für unsere Musik am wichtigsten. Nach dieser Basis Gitarre-Bass-Schlagzeug-Gesang können wir gucken, was dazukommen kann. Aber nicht so viel Schnickschnack drum herum. Wir haben gut Platz in unserem neuen Koffer.

 

Seid ihr eure Last losgeworden – und wie? Gab es das besungene Feuer?

(Beide lachen) Andreas: Das Feuer ist eine Metapher. Wenn man Dinge ausmistet und reflektiert, tut es manchmal weh und brennt wie Feuer. Doch da muss man radikal sein. Bei jeder Trennung, jedem Verlust und Neuanfang gibt es Schmerz. Das gehört dazu.

 

Glaube ist persönlich

Gläubige Menschen geben ihre Sorgen und Schuld an Gott ab. Könnt ihr damit etwas anfangen?

Stefanie: Ich bin super entspannt, an was jemand glaubt oder nicht glaubt, solange er damit niemandem wehtut oder niemanden negativ beeinflusst. Deswegen kann ich gut verstehen, dass der Glaube für gewisse Menschen eine Art von Halt ist. Wir sehen das Thema Glaube sehr unterschiedlich. Es ist eine persönliche Sache, sodass nicht einer für alle sprechen kann.

 

Möchtest du für dich sprechen?

Stefanie: Ich bin in keinem gläubigen Haushalt aufgewachsen. Ich bin zwar getauft, bin aber nicht christlich oder gehe in die Kirche. Wir haben uns damals in dem evangelischen Jugendhaus TEN SING kennengelernt. Zu diesem Jugendprojekt bei uns in Bautzen konnte jeder hinkommen, gläubig oder nicht. Das war schön. Es war ein offener Ort, wo man sich mit dem Glauben auseinandersetzen konnte und mit dem, wie andere ihn sehen. Und das finde ich schön. Im Leben muss die Freiheit sein, dass jeder sein Leben leben kann, wie er es gerne möchte. Wenn der Glaube dabei eine Hilfe ist, ein Halt oder guter Begleiter, dann finde ich das gut. Und wenn das auch ohne Glauben geht, ist das für mich auch ok.

 

Glaubst du, dass es nach dem Leben irgendwie weitergeht?

Stefanie: (lacht) Ich kann mir schwer vorstellen, dass nichts mehr da ist, wenn ich irgendwann nicht mehr sein sollte. Davon ab habe ich das Gefühl, dass es neben uns noch etwas Größeres gibt, was ich für mich aber nicht definieren kann. Wir Menschen können unsere Gedanken nur in einem gewissen Kosmos entfalten. Ab einem gewissen Punkt, an dem die Vorstellungskraft aufhört, wirkt noch etwas anderes. Das klingt aber alles viel zu kompliziert. Irgendwas wird da draußen schon noch sein.

 

Nächstenliebe im Alltag

Im Song »Allzu menschlich« heißt es »Seinem größten Feind irgendwann die Hand zu geben. […] Einfach zu sagen, es tut mir Leid. Wär das nicht menschlich? « Wie erlebt ihr diesen Wunsch? Christen nennen das Nächstenliebe.

Andreas: Toleranz, Verständnis und eine gewisse Art von Selbstlosigkeit und Offenheit sind wichtig. Sie fehlen teilweise in der Gesellschaft. Man steckt in seinem Rahmen fest, der manchmal sehr eng und klein ist. Ohne Offenheit und Toleranz – auch z. B. gegenüber anderen Kulturen – geht es aber nicht. Und vor allem geht nichts ohne Nächstenliebe, ohne Empathie, das sind die Kräfte, die die Menschheit in die richtige Richtung bewegen.

 

Wie bekommt ihr das in eurem Alltag hin?

Stefanie: Es  geht darum, auf Menschen zuzugehen, mit denen man sich verstritten hat. Ihnen zu sagen: »Komm, Schwamm drüber.« Das ist eine Art, über seinen Schatten zu springen. Jeder von uns hat ein Ego, keine Frage. Dann will man aus Prinzip nicht nachgeben, weil man Angst hat, sich zu blamieren, oder weil man denkt, im Recht zu sein, und nicht einsieht nachzugeben. Ob man es glaubt oder nicht, aber in einer Band hat man oft diese Situation. Etwa wenn ich über die Stränge schlage und unfaire Sachen sage, weil ich so dynamisch bin. Drei Minuten später merke ich, dass ich mich im Ton vergriffen habe. Weil mein Stolz aber so groß ist, schaffe ich es nicht, mich zu entschuldigen. Da habe ich in den letzten Jahren viel dazugelernt, sodass ich auch mal hingehe und sage: »Leude, tut mir leid. Ich war gerade ein bisschen zu emotional. Eigentlich habe ich es anders gemeint.« Das ist eine viel bessere Situation. Es fühlt sich gut an, wenn man den Schritt gegangen ist und den Mut und die Größe hatte, zu seinen Fehlern zu stehen. Das ist die wirkliche Stärke.

 

In einem anderen Interview habt ihr gesagt, dass das Album erdiger und authentischer ist als die davor. Nehmt ihr diese Einstellung mit auf die Bühne?

Stefanie: Wer uns als Band ein bisschen kennt, weiß, dass wir auch auf der Bühne so sind, wie wir sind. Da vertraue ich unserem engsten Freundeskreis, der das immer wieder bestätigt. Das muss man sich so vorstellen, als ob man auf der Arbeit oder in der Schule ganz anders sein wollte als zuhause. Du würdest diese vielen Stunden gar nicht durchhalten und irgendwann durchdrehen, weil du schon wieder eine Rolle spielen musst. Das geht auch nicht. Entweder du bist, wie du bist, und machst, was du machst, weil du es machst – oder du lässt es sein. Auf Dauer eine Rolle zu spielen, kriegt niemand hin. Gerade bei Musik geht es um Emotion und Ehrlichkeit. Wenn wir da oben stehen und Musik machen, merken die Leute, ob wir es ehrlich meinen, oder ob wir ihnen nur etwas Erfundenes erzählen. Das ist das Schöne an Musik. Wenn es diese Magie gibt, merkst du, ob jemand aus dem Herzen spricht. Deswegen kann sich kaum jemand auf der Bühne verstecken.

 

Und wie sieht das backstage aus?

Andreas: Im Alltag sind wir wir. Ich bin ich und Stefanie ist Stefanie. Da sind wir ganz normale Menschen, die eine Schrippe beim Bäcker holen und manchmal einen roten Schlüpfer in die Weißwäsche hauen, sodass sich die weiße Wäsche verfärbt. Also alles ganz normal (lacht).

 

On Tour

Wie viel Gepäck nimmt jeder von euch mit auf Tour?

Stefanie: Jaaaa, da bekomme ich einen Blick von Andreas. Als Frau darf ich etwas mehr mitnehmen als die Männer (lacht). Die Jungs schaffen es ganz gut, mit leichtem Gepäck auszukommen. Natürlich braucht man Klamotten für die Bühne. Witziger Weise hat sich das Motto in unseren Alltag eingeschlichen, seit die Platte raus ist bzw. seit wir den Song vor zwei, drei Jahren geschrieben haben. Bevor wir wegfahren, überlegen wir: »Brauche ich das wirklich oder kann ich es doch zurücklassen?« Wir nehmen uns dafür fünf Minuten mehr Zeit. Denn was du weniger einpackst, belastet dich auch auf der Reise weniger. Wir geben alle unser Bestes, nur die wichtigen Sachen mitzunehmen. Aber ich glaube, das ist ein Prozess, der Stück für Stück stattfindet.

 

Beendet bitte den Satz zum Stichwort wertvollste Augenblicke: Wenn die Tour zu Ende ist, …

Andreas: … wird erst mal ausgeschlafen (lacht). Wenn die Tour zu Ende ist, fehlt mir total was. Dann falle ich in dieses sogenannte Loch. Diesen Monat voller Energieschub kann man schwer beschreiben. Wir sind wahnsinnig konzentriert, haben sehr viel Adrenalin in uns. Wenn das plötzlich nicht mehr ist, fühlt es sich komisch an, ein bisschen leer. Und ich sehne mich sofort nach neuen Konzerten.

 

»Heut hab ich Zeit. Keinen Grund mich zu beeilen.« Wie setzt ihr euer Liedzitat als vielbeschäftigte Band um?

Stefanie: Wir sind ja nicht beschäftigter als andere. Jeder von uns hat die gleiche Zeit am Tag. Jeder hat 24 Stunden, die er so einteilen kann, wie es in seiner Macht steht. Und auch wir haben die Möglichkeit, unsere Zeit einzuteilen. Da muss man immer wieder überprüfen, ob man ein gutes Gleichgewicht zwischen Arbeit und Freizeit hat. In den letzten zehn Jahren haben wir erkannt, dass dieses Gleichgewicht da sein muss. Sonst schafft man es nicht, die Dinge entspannt zu betrachten. Dann fängt man an zu verkrampfen und ist nur noch auf einem Stresslevel, der nicht gut tut. Ich glaube fest daran, dass es jedem gut täte, eine imaginäre Stopp-Taste vor sich zu haben. Immer mal wieder könnte man sie drücken und ein paar Stunden oder Tage für sich nehmen, um ein bisschen runterzukommen. Danach ist die Energie für alles weitere gleich wieder eine ganz andere.

 

Wie entscheidet ihr, wann ihr diese Stopp-Taste drückt?

Andreas: Das Herz und das Gefühl entscheiden. Manchmal merkt man, dass man einen Tag hat, an dem man gar nicht kreativ ist. Dann sollte man es nicht übertreiben und andere Dinge machen, total  absurde Dinge.

Stefanie: Essen gehen zum Beispiel.

Andreas: Das ist doch Alltag.

Stefanie: Das ist aber auch schöner als unkreativ zu sein. (lacht)

Andreas: Einfach mal Autoscooter fahren. Das hilft wirklich schon mal. Kein Witz. Viele Dichter und Denker zum Beispiel sind spazieren gegangen, wenn sie kreative Löcher hatten.

Stefanie: Auch Einstein hatte die besten Ideen, als er tanzen gegangen ist oder Sachen gemacht hat, die nichts mit seiner Arbeit zu tun hatten.

 

_Lisa singt sich mit dem Album von Silbermond mutig.

Immer wieder fragt TEENSMAG bei Stars nach, woran sie glauben. Das Heft kannst du hier bestellen.

 

Hier kannst du Silbermond live erleben:

10/05 Hannover TUI Arena
12/05 Hamburg Barclaycard Arena
13/05 Kiel Sparkassen Arena
14/05 Dortmund Westfalenhalle IAusverkauft
16/05 Erfurt Messehalle
17/05 Nürnberg Arena Nürnberger Versicherung
18/05 Wien Wiener Stadthalle Halle D
21/05 München Olympiahalle
22/05 Stuttgart Hanns-Martin-Schleyer-Halle
24/05 Mannheim SAP Arena
25/05 Zürich Hallenstadion
27/05 Frankfurt/Main Festhalle
28/05 Berlin Wuhlheide
02/06 Bremen Pier 2
03/06 Bremen Pier IIAusverkauft
04/06 Schwerin Freilichtbühne Schlossgarten
24/06 Köln Tanzbrunnen
16/07 Bad Kissingen Luitpoldpark
20/08 Ravensburg Oberschwabenhallenplatz
26/08 Magdeburg Domplatz
27/08 Dresden Filmnächte am Elbufer – Ausverkauft
29/08 Bochum Zeltfestival Ruhr
30/08 Bochum Zeltfestival Ruhr
02/09 Saarbrücken Congresshalle – Johannes Hoffmann Platz
17/09 Halle / Westfalen Gerry Weber Stadion
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  1. […] Quelle:          ksta.de  |  teensmag.net […]

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