Der Uhrmacher
Der Uhrmacher
Stell dir einen Uhrmacher vor, einen ganz einfachen alten Opa der außer seiner Werkstatt und einer kleinen Wohnung nicht viel besitzt.
Er wohnt in einem kleinen Dorf, jeder kennt und mag ihn, Kinder kommen einmal täglich nach der Schule vorbei und lassen sich eine Geschichte von ihm erzählen. Immer wenn sie ein Problem haben gehen die Menschen zum Uhrmacher, öffnen die Tür zu seiner Werkstatt, werden vom bimmeln seiner Ladentüre begrüßt, und lassen sich von ihm einen Rat geben. Er sitzt dann wie immer auf seinem Schemel vor seiner Werkbank mit seiner Nickelbrille, und schraubt mit großer Genauigkeit winzige Schräubchen und Zahnräder zusammen. Er hebt den Kopf, ein freundliches Lächeln streicht über sein Gesicht, blickt dich erwartungsvoll an. Ihr kommt ins Gespräch, du erzählst ihm plötzlich deine Probleme als würdest du ihn schon ewig kennen, dabei betrittst du zum ersten Mal seinen Laden. Nach einigen Stunden sitzt du ihm immer noch gegenüber auf einem Schemel, der Uhrmacher strahlt über das ganze Gesicht, er freut sich über das Gespräch mit dir und hat dich inzwischen liebgewonnen. Durch seine Nickelbrille zwinkert er dich an und meint er müsse dir unbedingt etwas zeigen, mit einem schelmischen Grinsen im Gesicht führt er dich in den hinteren Teil seiner Werkstatt. Dort steht zwischen den Schränken, unter einer verstaubten Hülle versteckt, ein alter Schrank. Er öffnet ihn und nimmt eine Uhr heraus und befreit sie mit größter Hingabe und einem strahlenden Gesicht von dem Zentimeter dicken Staub. Sinnend und wie in Gedanken versunken reibt und putzt er an der Uhr herum. Nach einiger Zeit dreht er sich zu dir und zeigt dir die Uhr. Du hältst sie in den Händen, drehst sie und betrachtest sie von allen Seiten, sie war sicher einmal eine sehr schöne Uhr, aus edlem Mahagoni mag sie sicher einmal die Wand einer riesen Villa geziert haben. Inzwischen allerdings sieht sie ziemlich mitgenommen aus, der Lack platzt an einigen Ecken ab, das Holz besitzt schon einig große Dellen und auch die Scheibe hat unten schon einen kleinen Sprung.
Doch der Uhrmacher öffnet sie, sein Gesicht gleicht dem eines kleinen Kindes das sich wahnsinnig über die Blumen auf dem Feld freut, er erklärt dir welche Aufgabe die einzelnen Zahnräder erfüllen und wie er als junger Mann Monatelang an dieser Uhr saß und mit wie viel Liebe er sie gefertigt hat. Ihre eigentliche Bestimmung hatte sie nie erfüllt, sie sollte das Schlafzimmer einer gehobenen Familie zieren. Doch der Auftraggeber wollte die Uhr, nachdem sie fertiggestellt worden war, nicht mehr haben, ein paar winzige Zähne eines Zahnrads waren abgebrochen. Die Uhr ging somit schneller als sie eigentlich sollte, sie war unnütz.
Aber einer wollte sich nicht von ihr trennen, der Uhrmacher, sein Blick ruhte noch immer auf der Uhr, wie der Blick eines Vaters auf seinem neugeborenen Kind. Sie war sein liebstes Stück und er hätte sie für keinen Preis der Welt verkauft.
Dann begann er dir klar zu machen, dass du eine ähnliche Geschichte hast wie diese Uhr. Du wurdest auch mit viel Liebe und bis in das kleinste Detail genau geplant, angefertigt. Und auch dein Äußeres stört anscheinend so manchen Menschen. Auch du hast deine Fehler, doch gibt es jemand dem das egal ist, der dich trotzdem über alles liebt und dich für keinen Preis der Welt hergeben würde. Der sogar für dich sterben würde und dieser eine, dein Schöpfer, möchte nicht das du unzufrieden mit dir bist. Vielleicht wirst du auch der Bestimmung nicht gerecht die andere dir zugedacht haben. Aber bei ihm bist du gewollt, geliebt, so wie er dich geschaffen hat.
Dein Blick wandert in sein Gesicht, er strahlt noch immer, nimmt die Uhr und stellt sie wieder an die für sie gedachten Platz.
written by sebby
Kommentare zu diesem Eintrag: (4 insgesamt)
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Mogli32 hat (um Uhr) geschrieben:
RE: : Der Uhrmacher
ich mag den Vergleich, es ist eine schöne Geschichte, aber wieso bewahrt er sein liebstes Stück im hintersten Schrank auf? Das versteh ich nicht so ganz... Gott holt uns ja auch nicht nur alle paar Jahre mal aus der Staubschicht raus... Aber es ist wirklich eine schöne Geschichte, auch die Details....:)
Be blessed
bepe0905 hat (um Uhr) geschrieben:
Re: : Der alte Uhrmacher - und sein missratenes Produkt
darf man mal lästern?
Da gibt es also einen "alten Opa", der im hohen Alter noch arbeiten muss - also vermutlich jemand, der nur ne knappe Rente bezieht....
Ist ja auch kein Wunder - denn wenn er seine Werkstatt in einem "kleinen Dorf" hat - wo sollen dann die Kunden herkommen ?
Von Marketing und Standortfaktoren hatte er in seiner Jugend offenbar nichts gehört...
Tja, liebe Kinder - deshalb muss er also jetzt als alter Opa noch arbeiten ....
zu Zeiten in denen andere Rentner am Strand von Palma in der Sonne bruzzeln...
Aber was tut er ?
Bessert er seine magere Rente auf ?
NEIN - er erzählt euch Kindern Geschichten....
Und die Kids - was machen die ????
Die drücken sich also stundenlang in der muffigen Werkstatt rum, statt ihre Schulaufgaben zu machen und dann an die frische Luft zu gehen.
Eigentlich klar, dass die Sache mit der Uhr damals schief ging ....
das musste ja so kommen!
Statt sich auf die Arbeit zu konzentrieren gibts nen kleinen "Klönsnak". Und da wird halt nicht sorgfältig gearbeitet, sondern gehudelt - naja, dumm gelaufen.
Also war Qualitätsarbeit offenbar auch nicht sein Ding.... ein Schweizer war er garantiert nicht!
Dass er dann aber die Uhr mit den Macken damals überhaupt ausliefern wollte - neee, das wirft wirklich kein gutes Licht auf ihn - nee, nee, neeeee, wirklich nicht. Von Vorbild kann da keine Rede sein.
Kein Wunder, dass der Kunde damals die Uhr nicht wollte.
Und jetzt ist die "Mackenuhr" also sein liebstes Stück - vielleicht gar ein "Referenzobjekt".
Kein Wunder, dass die Rente hinten und vorne nicht reicht ...
Und so soll es also mit uns sein? Aus der Geschichte sollen wir nun was lernen ?
OK - ich hab' ja verstanden:

wer kleine Macken hat schafft es nicht in die "gute Stube", in die "Chefetage" oder in "bessere Kreise" -
sondern der landet wieder in der Hinterstube der vermufften Werkstatt.....
Na, das sind ja tolle Aussichten, Schei....
... ich hätte mir eigentlich was anderes gewünscht
... meint resignierend
Dschordsch
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