Zwischen Wellblechhütten und Waisenkindern



Ein Auto hupt. Ich springe vom Stuhl auf, greife im Gehen meinen Rucksack, ziehe die Wohnungstür hinter mir zu und laufe auf das Tor zu, hinter dem ein Auto wartet. In dem Auto sitzen schon die fünf anderen Mosaic Freiwilligen. Zusammen fahren wir wie jeden Tag eine Viertelstunde lang bis wir Ikageng erreicht haben. Das ist das Township von Potchefstroom, in dem etwa eine halbe Million Menschen dicht an dicht in Wellblechhütten und kleineren Steinhäusern wohnen.

Einige Schlaglöcher und riskante Überholmanöver der Taxibusse später, haben wir das Training Center am Rand von Ikageng erreicht. Tor aufschließen, Alarmanlage ausschalten, Türen öffnen, Tische und Stühle hinaustragen. Und schon kommen die ersten Kinder, pünktlich um 16 Uhr. »Helloos, how are you?« – »Fine, did you bring your homework?« Stolz zeigen die älteren ihre Bücher, denn dafür bekommen sie einen Extrapunkt. Um kurz nach vier sind fast alle Kinder da und wir können anfangen: Eine Stunde Hausaufgaben und danach eine Stunde Aktivitäten. Bis alle 30 Kinder auf ihren Plätzen sitzen und jeder einen Bleistift hat, bricht jedes Mal ein kleines Chaos aus. Dann wird (mehr oder weniger) konzentriert gearbeitet. Die Kinder die ins Training Center kommen sind zwischen fünf und siebzehn Jahre alt und gehören zur »Mosaic Family«.

Vor vier Jahren hat das Ehepaar Louise und Meyer Conradie Mosaic gegründet. Sie haben das Elend der vielen Waisenkinder in Südafrika gesehen, deren Eltern zum Großteil an AIDS gestorben sind oder sich nicht mehr um sie kümmern konnten. Obwohl beide damals erst 22 Jahre alt waren, haben sie aus Nächstenliebe und ihrem festen Glauben an Gott Mosaic gegründet. Seitdem haben sie schon 15 Steinhäuser für Familien gebaut, die zuvor in Wellblechhütten Wind und Wetter ausgesetzt waren. Damit eine Familie in ein Haus von Mosaic einziehen kann, muss sie bereits Waisenkinder aufgenommen haben. So leben sie dort mit ihren eigenen und ihren Pflegekindern. Diese Kinder kommen nachmittags nach der Schule ins Training Center, ein Haus, das Mosaic extra für das Nachmittagsprogramm der Kinder gebaut hat.

Und dort ist es die Aufgabe von uns deutschen Freiwilligen, den Kindern so viel es geht beizubringen und sie in der Schule zu unterstützen. Das ist dringend nötig! Letzte Woche habe ich erst gemerkt, dass Johanna, die schon in die 10. Klasse geht, nicht das Einmaleins kann! Oder Tumi ist neun und weiß nicht wie man ein „G“ schreibt. Das kann einen manchmal echt frustrieren, aber wenn man einen Fortschritt bemerkt ist das umso schöner. Nach der Hausaufgabenstunde machen wir viele unterschiedliche Sachen, wie zum Beispiel zusammen Kochen, Basteln, Spiele spielen oder einen Film gucken.

Seit drei Monaten ist Mosaic nun ein fester Bestandteil meines Lebens geworden, das sich natürlich vollkommen verändert hat, seitdem ich hier in Südafrika bin. Doch wie kommt man überhaupt dazu, nach Afrika zu gehen?

Früher oder später stellt sich jeder die Frage: Was mach ich nach der Schule? Wenn auf einmal der immer gleiche, öde, sichere Alltag aus Unterricht, Arbeiten und mündlichen Noten vorbei ist? Studieren, Work and Travel, Au Pair, Praktikum oder ein Freiwilliges Jahr? Ich war vor zwei Jahren ziemlich überfordert mit diesem riesigen Angebot. Was ist nur das

richtige für mich? Meine ganzen Fragen und Zweifel habe ich schließlich Gott hingelegt, denn bei ihm sind sie am besten aufgehoben. Nach ein paar Gebeten habe ich mich schon viel zuversichtlicher gefühlt, denn mir ist mal wieder Gottes riesige Weitsicht klar geworden: Er wusste damals schon ganz genau, was ich nach der Schulzeit machen werde, wo ich hingehen würde. Und als ich begriffen habe, dass ich ihm auch in dieser Sache einfach vertrauen soll, öffneten sich unglaublich viele Türen.

Vor drei Jahren war ich schon mal in Südafrika, damals für einen Schüleraustausch. Sechs Monate war ich dort, dann kam eine Austauschschülerin die in Potchefstroom wohnt, zu uns nach Deutschland und wir haben uns total gut verstanden. Eigentlich hatte ich nicht mit dem Gedanken gespielt nochmal nach Südafrika zu fliegen. Da fiel mir in einer Schülerzeitung ein kurzer Artikel ins Auge von einem Mädchen, das ein Freiwilliges Jahr in Südafrika gemacht hatte- und zwar in Potchefstroom. Ich konnte nicht glauben, dass noch jemand aus Deutschland diese kleine Unistadt kennt, in der meine Austauschpartnerin wohnt. Über Facebook nahm ich Kontakt auf und erfuhr von Mosaic. Sofort hatte ich das Gefühl, dass das das Richtige für mich ist und ich bewarb mich über weltwärts.

Die ersten Wochen hier habe ich gebraucht um mich an die Arbeit und an dieses neue, andere Leben zu gewöhnen. Manche Tage sind eine größere Herausforderung als andere und man braucht ab und zu Motivationsschübe, da die Zustände im Township und der so niedrige Bildungsstandard manchmal echt frustrierend sind. Aber das Leben hier kommt mir viel intensiver vor und man lebt mehr im »Jetzt«, was mir in Deutschland oft gefehlt hat. Ich bin gespannt was mich die nächsten neun Monate noch alles erwartet. Stay tuned!

 


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