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Alles steht Kopf | Hindernislauf Interview

Für sechs Wochen war Sophie Praktikantin im Bundes-Verlag. Sie hat dort geholfen, wo sie gebraucht wurde. So durfte sie für Ausgabe 4/16 ein Porträt über den 17-jährigen Hobbyfotografen Dominik verfassen. Es war nicht ihr erstes Interview, aber es übertraf alle anderen an Chaos und Komik.

Da Dominik in der Schweiz wohnt und eine siebenstündige Autofahrt zu ihm nicht in Frage kam, lag eine praktischere Variante nahe: Ich würde ein Skype-Interview führen. Ein Hoch auf die Technik und ihre unbegrenzten Möglichkeiten! Wir könnten uns trotz der großen Entfernung sehen und ich bekäme einen klareren Eindruck von der Person, die ich bisher nur von E-Mails und Fotos kannte. Schließlich sollte ich möglichst realitätsgetreu über ihn schreiben.

Soweit der Plan

Ich hatte noch eine Stunde bis zu meinem Gespräch mit Dominik. Wir hatten uns für 14.30 Uhr verabredet. Die Interviewfragen waren vorbereitet und ein Raum für das Interview war bereits gemietet. Im Sesselbüro könnte ich ungestört mit Dominik reden und unser Gespräch mit dem Diktiergerät aufzeichnen. Das war zumindest der Plan.

Um halb zwei kam Redaktionsassistentin Dana zu mir und fragte, ob sie mir bei den Vorbereitungen helfen sollte. Wir haben doch noch massig Zeit, dachte ich mir verwundert. Aber warum nicht? Wir gingen gemeinsam ins Sesselbüro und starteten dort den Computer. Es war einer dieser Rechner, die eine gefühlte Ewigkeit benötigen, um hochzufahren. Vielleicht war es doch die richtige Entscheidung gewesen, schon jetzt alles vorzubereiten. Denn als wir den Computer näher inspizierten, mussten wir feststellen, dass es keine Lautsprecher gab. Außerdem fehlte die Webcam und zu allem Überfluss wollte sich die Datei mit meinen Interviewfragen nicht öffnen lassen.

Ich bin von Natur aus ein sehr positiv-denkender Mensch und machte mir keine allzu großen Sorgen. Wir hatten ja noch eine dreiviertel Stunde, das benötigte Material zusammenzusammeln. Zur allergrößten Not könnte ich meinen Laptop verwenden. Wobei wir hierfür noch das WLAN-Passwort auftreiben müssten, das nur der Techniker hatte. Der war allerdings nicht im Haus.

Kann es noch schlimmer werden?

Zunächst einmal suchten wir Lautsprecher und eine Webkamera. Nachdem wir fünf Minuten unter einem Schreibtisch herumgekrochen, an Kabeln gezerrt und uns bis zum richtigen Stecker gehangelt hatten, fragte ich mich langsam, ob es noch komplizierter werden konnte.

Es wurde komplizierter. Wir schleppten also die Lautsprecher ins Sesselbüro, brachten die Webkamera an, von der niemand wusste, ob sie überhaupt funktionieren würde. Viel zu spät erkannten wir, dass Skype auf diesem Computer überhaupt nicht nutzbar war. Vielleicht wäre das der Moment gewesen, entnervt den Kopf auf die Tastatur fallen zu lassen, aber das schien mir doch etwas unpassend. Schließlich war ich Praktikantin. Wir hatten ja noch Zeit, beschwor ich mich. Und wir hatten meinen Laptop, zwar ohne Internetanschluss, aber egal. Alles würde bestimmt gut ausgehen.

Jetzt geht’s los!?

Kurz vor halb drei saß ich endlich vor meinem Laptop, der inzwischen tatsächlich ans Netz angeschlossen war. Das Skype-Konto war geöffnet und es konnte losgehen. Aufgrund des kleinen Vorbereitungschaos hatte ich leider keine Zeit mehr gehabt, meine Interviewfragen noch einmal durchzulesen. Unglücklicherweise gab es mehrere Personen, die Dominiks Skype-Namen trugen. Seufzend schob ich den Stuhl zurück, um Dominik über meinen Redaktionscomputer eine Mail zu schicken. Denn das war der einzige Weg, den ich hatte, um ihn zu erreichen. Umständlich, umständlich.

Ich konnte nur hoffen, dass er die Mail noch las. Doch auch er hatte mir geschrieben: »Es tut mir riesig leid. Aber ich schaffe es heute nicht mehr auf die 14:30 nach Hause. Könnten wir das Interview um eine Stunde verschieben?« War das jetzt gut oder schlecht, überlegte ich mir. Es war gut! Gott gab mir sogar mehr Zeit, als ich brauchte, um mich auf das Gespräch einzustellen.

Verdrehte Sicht

Eine Stunde später saß ich wieder vor dem Bildschirm. Top vorbereitet und mittlerweile wirklich darauf gespannt, Dominik live zu erleben. Zu meiner großen Freude, hörte ich Dominiks freundliches »Hallo«. Endlich hatte es geklappt! Noch war seine Kamera ausgeschalten. Als endlich das Bild erschien, war ich zunächst irritiert. Dann musste ich lachen. Dominik stand auf dem Kopf. Sein Bild wurde aus mir unerfindlichen Gründen verkehrt herum angezeigt. Wie er mir mitteilte, hatte er das gleiche Problem. Wie war das noch mit dem Hoch auf die Technik?

Wir fanden es lustig und grinsten uns kopfüber an. »Das ist mir noch nie passiert«, meinte Dominik. Ich schlug vor, noch einmal aufzulegen und den Anruf erneut zu starten. Es war ein netter Versuch, die Technik zu überlisten, aber eben nur ein Versuch. »Alles halb so wild«, sagte ich deshalb. »Wir reden einfach so. Auf deinen Fotos bist du ja auch öfter auf dem Kopf zu sehen. Vielleicht ist das hier ein passender Weg sich deinem Hobby zu nähern.«

Herausforderndes Multitasking

Anfangs mussten wir immer wieder lachen, denn es war doch eine sehr komische Situation. Dominik und ich unterhielten uns trotzdem sehr angeregt. Sein Hochdeutsch war super und er erzählte reflektiert und flüssig von seinem Hobby. Leider waren die Lautsprecher meines Laptops entsetzlich. Manchmal verstand ich nur die Hälfte und ich fragte mich, wie viel ich später auf dem  Diktiergerät abhören und verstehen könnte. Gott sei Dank hatte ich vorausgedacht und Papier und Stift griffbereit. Der Technik traute ich nicht mehr über den Weg. So schrieb ich das Gehörte in Stichpunkten mit. Zuhören, antworten, fragen und währenddessen alles protokollieren. Machbar, aber herausfordernd.

Während ich also versuchte, dem Klischee einer multitaskingfähigen Frau zu entsprechen, blieb das Bild nach einigen Minuten hängen. Ich starrte den Bildschirm an. Passierte das gerade wirklich? Kurz überlegte ich, ob ich Dominik darauf hinweisen sollte. Andererseits war unser Gespräch gerade so im Gange. Das wollte ich ungern unterbrechen. Außerdem hörte ich ihn ja – zumindest das meiste von ihm.

Lächeln und winken

Ich unterhielt mich also die restlichen 30 Minuten mit einem auf dem Kopf stehenden Standbild. Da ich mir nicht sicher war, ob mich Dominik noch sehen konnte, schaute ich vorsichtshalber immer wieder in die Webkamera. Wäre doch unhöflich gewesen. Jedes Mal, wenn ein Kollege an der Glastür des Büros vorbei ging und einen Blick hereinwarf, wurde ich mir dieser irrwitzigen Situation bewusst. Eigentlich hätte ich mir ein Foto von Dominik an den PC hängen und ihn stattdessen anrufen können. Der Effekt wäre der gleiche gewesen.

Ja, es war ein verrücktes und chaotisches Interview. Doch das hinderte Gott nicht, mich mit allen Informationen zu versorgen, die ich für meinen Artikel brauchte. Er steht über allem Chaos und diese Tatsache finde ich sehr beruhigend.

_Sophie notiert sich sogar Wegbeschreibungen auf kleine Zettel – zur Sicherheit.

Das Porträt, das Sophie nach dem Interview geschrieben hat, erscheint in der Rubrik »dubistdu« der Ausgabe 4/16. Du kannst sie hier bestellen: http://bundes-verlag.net/

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