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Wortgewaltig: Poetry Slam-Texte von Lesern

In der Ausgabe 6/15 haben Volontärin Lisa und Poetry Slammer Marco Michalzik erklärt, was Poetry Slam ist und wie man selbst solche kreativen Texte verfassen kann. Die Redaktion hoffte sehr, dass sich ein paar Leser dadurch ermutigen lassen. Und tatsächlich waren einige schöpferisch tätig und haben ihre Texte an die Redaktion geschickt. In Ausgabe 2/16 wurden drei Texte abgedruckt – aber die anderen sollen auch gelesen – und gehört werden!

 

»Wahre Worte« konntest du schon im Heft lesen. Hier kannst du dir anhören, wie es klingt, wenn Slammer Simon loslegt.

 

Spieglein, Spieglein…

Spieglein, Spieglein an der Wand,

wieso lügst du mich so dreiste an?

Wieso sagst du mir nicht, wie schön ich bin,

sondern lachst vor dich hin und sagst, ich spinn‘?

 

Du sagst mir:

mein Körper ist zu dünn, mein Schädel ist zu dick,

meine zu kleinen Finger sind an zu großen Händen,

die Ohrläppchen sind asymmetrisch,

und das Blau meiner Augen ist nicht blau genug.

 

Spieglein, Spieglein, weißt du nicht,

dass ich extra nur für dich,

mich änder‘, mich veränder‘,

um bloß nicht anzuecken,

wo man mit Ecken und Kanten

verkannt wird.

 

Doch du sagst mir nur,

mein Körper ist zu dünn, mein Schädel ist zu dick,

meine zu kleinen Finger sind an zu großen Händen,

meine Ohrläppchen sind asymmetrisch,

und das Blau meiner Augen ist nicht blau genug.

 

Also suche ich in den Regalen nach Idealen.

Doch Aldi war gerade ausverkauft.

Bin ich wirklich so verkehrt,

Bin ich wirklich so verdreht, so verzerrt?

Oder steht mein Spiegelbild Kopf?

Sag mir Spieglein, Spieglein siehst du mich?

Siehst du mich so, wie ich mich in dir sehe?

Oder sehe ich dir etwas, was ich nicht wiedergebe?

 

Aber du antwortest mir nur,

mein Körper ist zu dünn, mein Schädel ist zu dick,

meine zu kleinen Finger sind an zu großen Händen,

meine Ohrläppchen sind asymmetrisch,

und das Blau meiner Augen ist nicht blau genug.

 

Missfallen und abgefallen

lass ich meine Maske fallen.

Und schau mir direkt ins ungeschminkte Gesicht,

frag mich zögerlich, wer schuf mich?

Ich greife ins Regal, welches ich längst hätte abstauben sollen,

nehme ein Buch, welches ich längst hätte lesen sollen,

um zu verstehen, was man mir längst hat sagen wollen.

Das erste was ich lese ist Genesis:

Gott schuf den Menschen und das ist,

so, wie es war, auch gut so.

 

Denn Gott sagt mir,

mein Körper ist gut, mein Schädel ist gut,

meine guten Finger sind an meinen guten Händen,

meine Ohrläppchen sind gut,

und das Blau meiner Augen ist blau genug.

 

Spieglein, Spieglein an der Wand,

wieso lügst du mich so dreiste an?

Beschlägst du dich vor Scham?

So wie du dich nach einer heißen Dusche beschlägst?

 

Ich bin nicht »Made in…«

Ich bin »Made from…«

Ich bin von Gott gemacht.

Und, Spiegel? Wer zuletzt lacht,

der hat den besten Poetry Slam gebracht.

Darum lieber Spiegel, sag ich dir eins.

Schwarz macht schlank,

doch Licht durchbricht dich bitterlich.

 

Also zerbrich ihn, deinen Spiegel!

Scherben bringen Unglück,

doch ein Mosaikstück nennt man Kunststück.

 

Und auch Gott sagt dir:

Dein Körper ist gut, dein Schädel ist gut,

deine guten Finger sind an deinen guten Händen,

die Ohrläppchen sind gut,

und die Farbe deiner Augen ist gut genug.

 

Grund genug,

deinen Spiegel zu zerbrechen,

bevor du zerbrichst.

Und ich verspreche,

dass die Worte, die ich hier spreche

keine Rede ist,

sondern reine Zuversicht.

 

Also zerbrich ihn, deinen Spiegel.

Und sieh dich, wie Gott dich sieht;

voller Friede, voller Liebe,

senn Gott schuf dich gut.

Und was Gott Gutes schuf, das blieb auch gut.

Deinen Wert

hast du von Gott geerbt.

 

Also zerbrich ihn, deinen Spiegel,

zerbrich dein Spiegelbild

und sieh dich mal im Bibelbild.

geslammt_Manuel

 

 

Christus in mir

Christus in mir und ich in Christus.

Und ich in Christus?

Ist das überhaupt möglich oder überhaupt wichtig?

 

Gott hat uns doch als eigenständige Menschen geschaffen.

Geschaffen, dass wir eigene Sachen machen,

dass wir selber weinen und selber lachen.

 

Und jetzt soll ich jemandem folgen?

Und einfach so vertrauen?

Jemandem, den ich nicht sehe,

viel zu oft einfach nicht verstehe.

 

Und der soll in mir wohnen

und für mich soll sich lohnen,

dass ihm mein Herzenshaus offen steht,

er einfach ein und aus geht?

 

Doch das kann ich nicht glauben

und einfach nicht so hinnehmen.

Ich will nicht ganz vertrauen

und mich tatenlos zurücklehnen.

 

Ich möchte nicht mein Leben abgeben

Nicht all meine Wünsche und all mein Streben.

Die Fäden will ich selbst in der Hand haben

In meiner Welt hab ich das Sagen!

 

Aber … Das kann doch so nicht stimmen.

Hab ich nicht gesagt, Gott sollte bestimmen?

Hab ich nicht gesagt, Er hat mich geschaffen?

Von ihm kommt meine Sehnsucht, mein Weinen, mein Lachen.

 

Doch wie ist das vereinbar?

Ich so schlecht und er so wunderbar.

Er, der Schöpfer von Himmel und Erde,

möchte, dass ich mehr so wie er werde.

 

Nein! Das kann ich einfach nicht schaffen.

Ich kann noch nicht mal selber Feuer machen!

Wie soll ich dann zum Schöpfer werden

Vollbringen, dass Menschen und Tiere sich vermehren ?

 

Dass bei einem Wort das Licht erscheint,

das Wasser sich vom Ufer teilt,

die Stimme von Vögeln so schön erklingt,

die ganze Schöpfung zu mir singt.

 

Langsam fange ich an zu begreifen.

Das ist gar nicht, was Gott für mich meinte.

So kann ich gar nicht aus eigener Kraft werden.

Ich kann ja nicht mal selber sterben.

 

Meine Fäden hat Gott alleine in der Hand

Er hält mich am Boden, in Stand.

Ich muss mich nicht bemühen, perfekt zu sein

Gott wäscht mich von Sünden rein.

Ja, perfekt, das ist nur Gott allein.

 

Es ist also ein riesen Geschenk,

das Gott mir in Christus entgegenbringt.

Dass er selber in mir wohnen will,

mich zu einem guten Menschen macht, heimlich und still.

 

Dass ich in seinen Augen heilig bin,

weil ich ihm vertrau‘, weil ich in ihm bin.

Mit Jesus wird alles viel leichter

und mein Leben bekommt plötzlich Sinn.

 

Christus in mir ist keine belastende Pflicht.

Nein, er ist meine neue Sicht!

Auf mich, auf die Welt, auf Gott und was zählt,

ist, dass ich frei nun bin

von allen Gesetzen, von Sünde, Gewinn,

Verlust und Verdruss, von jeglichem Muss.

 

In Ihm bin ich ehrlich, heilig, gerecht

In Ihm nicht länger der Sünde Knecht.

Meine Sorgen kann ich auf ihn werfen,

die Granaten in meinem Kopf entschärfen.

 

Und bei all dem vielen »Christus in mir«

bin trotzdem immer noch ich hier.

Mit einer Aufgabe von Gott gegeben,

nach der es sich lohnt, im Leben zu streben.

 

Ich muss mich nicht zurücklehnen

und alles hinlegen.

Mit Christus in mir kann ich sogar noch viel mehr geben.

Ich kann meine Aufgabe auf Erden erfüllen

und mein von Gott gewolltes Ich enthüllen.

Christus in mir und ich in Christus?

Ja, es ist möglich

und ja, es ist wichtig!

geslammt_Carla

 

 

Brücken bauen

Versuche, Brücken zu bauen,

wo unendliches Meer ist,

kein Ansatzpunkt,

kein Halt.

 

Setzte Seile an der hauchdünnen Linie

des Horizonts an,

spanne weit meine Taue,

kenne weder Anfang noch Ende,

nur das Ziel.

 

Das Feuer in meinem Herzen führt mich.

Weiter, als ich selbst es wagen würde.

Weiter als bis zum Ursprungsquell des Meeres.

Und weiter, als die Sonne ihre Strahlen sendet.

Auch im Schatten brennt das Licht meines Herzens.

Nichts kann es löschen,

kein Wasser, kein Eis, kein Schnee.

 

Die Wellen des Meeres brechen

gegen dünne Brückenpfeiler.

Hoch spritzt salziges Wasser,

versucht zu zerbrechen,

was gerade erst neu erbaut.

Aus den leeren Tiefen empor stieg

aus dem Nichts

eine große Welle, stürzt über den wackligen Steg,

zerstört, auf was ich eben noch vertraute.

 

Doch Ergeben gibt es nicht.

Beendet wird, was begonnen.

Fortgeführt immer und immer wieder,

ganz egal wie oft ich von neuem beginnen muss.

 

Richte den Blick in die Ferne.

Dunst liegt über dem Wasser.

Unmöglich, das Ziel zu erkennen.

Doch spüre tief in mir

den Grund meiner Reise

und nichts wird umsonst sein.

Kein Pfeiler, kein Tau, keine Planke, kein einziger Nagel.

 

Alles wird geschrieben sein

auf Pergamentpapier

im großen Buch,

das weit oben schwebt

über dem Wasser

und alle Brücken des Meeres sind darin verzeichnet.

geslammt_Katharina

 

 

Perfekt?

Hey, es geht hier nicht um Perfektion.

Vollkommen ist in dieser Welt nur die Illusion.

Doch macht dich der Gedanke an das Perfekte kaputt,

bist du vielleicht nur Schutt und Asche,

dein Leben erzählt nur Mist,

aber dein Wert ist nicht, wer du bist!

 

Vollkommen machen nicht Weisheit, Kraft, Schönheit oder Mut.

Hey, du! Deinen Wert macht aus, wer du in Gottes Augen sein kannst,

Nein, wen er schon sieht.

Und Gott sieht nicht Perfektion dieser Welt in dir,

er sieht Göttliches, Ganzes.

 

Doch wir, wir sind hier, in dieser Welt,

schlafen unterm großen Himmelszelt,

wachen auf und sagen uns:

»Lauf! Ich hab nicht viel Zeit um perfekt zu werden, um ganz aufzublühen. «

Doch auch, wenn du eine geschlossene Blüte noch sein magst,

Gott weiß, wie schön du blühen kannst! Und das bist du wert!

 

Gott kennt dich durch und durch,

so viel besser als du selbst.

Ja, er sieht deine Schwächen, dein Versagen, diese Last,

doch weiß er auch, was du kannst und wer du wirklich bist!

Und diesen Mist, mit dem die Welt dich bombardiert,

den kannst du vergessen,

denn Gott wird dich mit seinen Maßstäben messen.

 

Jeder ist anders, keiner ist falsch,

du bist der Ton des Töpfers,

das Bild des Schöpfers,

die Krönung der Welt,

das Meisterwerk.

 

Jeder ist anders und geht durchs Leben verschieden.

Der eine tanzt,

noch einer malt,

jemand redet,

jemand hört

und manch einer macht alles ein wenig.

 

Ich will nicht sein wie du, denn ich wäre eine schlechte Kopie.

Bin lieber ein Unikat.

Das macht mich wertvoll,

denn einen Teil des Künstlers kann nur ich wiederspiegeln

und wenn jeder das weiß,

dann scheint etwas von Gottes Vollkommenheit in unserer Zeit.

 

Das ist, wer du bist,

das ist dein Wert,

das ist die Perfektion Gottes,

die wie Blut durch deine Adern fährt.

Das bist nur du allein,

die Frage ist: Willst du »du« sein?

geslammt_Susanna

 

 

Verrückte Welt

Verrückte Welt,

durchtrieben von Macht und Geld,

wo sich der Mensch verrenkt,

damit man ihn anerkennt,

ihm Beachtung schenkt

und dann seiner gedenkt.

 

Verrückte Welt,

wo so manch einer Luxus für Bedürfnisse hält

und somit das Urteil über andere fällt,

die, um ihm dies zu garantieren,

ihre Chance auf ein gutes Leben verlieren.

 

Verrückte Welt,

in der ein jeder behält,

was er sein Eigen nennt

und die Notwendigkeit verkennt,

an Bedürftige weiterzugeben,

wovon mit Überfluss ihn beschenkte das Leben.

 

Die Welt ist verrückt,

wo ein Mann, mit Brüsten geschmückt

mit Bart, Juwelen und Make-up geschmückt

als Symbol der Toleranz anerkannt

– alte Moral und Tradition aber verkannt

und christliche Werte völlig verbannt.

 

Verrückte Welt,

in der die traditionelle Familie einen schlechten Ruf erhält,

denn die ist ja rückschrittlich, reaktionär.

Wer heute modern ist, denkt ausschließlich quer.

Eltern laden Kinder den Institutionen auf die Schippe,

sozusagen vom Kreissaal direkt in die Krippe.

Die Mütter darf man ja nicht an der Karriere hindern,

sie nicht mal einschränken, verzögern, vermindern,

daher ruhig weg mit den lästigen Kindern.

geslammt_Theresa

 

 

Er schuf

Was sind wir schon?

Wie ein Staubkorn

klein und unbeständig.

Wie ein winziger Tropfen

im großen Ozean

zwischen Millionen

und Abermillionen anderer.

Ein kleiner Wassertropfen,

nicht zu gebrauchen.

Die Welt dreht sich auch ohne uns weiter

und nicht um uns herum.

 

Wir sind nichts.

Wir sind unwichtig.

Wen kümmert es schon,

wenn dem riesigen Meer

ein einziger Tropfen fehlt?

Es ist egal,

denn ein Tropfen

ist noch kein Regen,

bildet keine Pfütze

erst recht keinen See.

Ist verzichtbar.

 

Wir sind winzige Kreaturen

und maßen uns an,

wir könnten diese Welt besitzen,

sie unter unseren Füßen zertreten,

wenn sie nicht auf uns hört.

Wir wären die Könige

und nichts kann uns stoppen.

Wir allein regieren

und sind unbesiegbar,

doch es muss

nur eine Welle kommen,

uns gegen den Felsen schmettern,

und wir vergehen

wie Sand, der vom Wind verweht wird.

 

Ein Buch

vom Feuer verzehrt

und zerfallen zu Asche.

Asche zu Asche

und Staub zu Staub,

dem Erdboden wieder gleich gemacht.

 

Wie können wir glauben,

uns könnten die Berge gehören

und wir könnten die mächtigen Flüsse besiegen,

wenn doch nur ein Steinschlag

uns zu Fall bringt

und Wassermassen

uns verschlucken?

 

Wir sind vergänglich

wie eine Blume.

Gras,

das von der gütigen Sonne

erbarmungslos verbrannt wird.

Keine Wolke am Himmel,

die uns bewahren könnte.

Gras, das von Menschen zertreten wird,

bis es sich eines Tages

nicht mehr aufrichten kann

und es vergeht.

 

Doch es ist nicht wichtig.

Genug andere Grashalme

füllen die Erde

und machen sie grün.

Wir sind unwichtig,

verzichtbar,

auswechsel-

und ausrangierbar.

 

Und wie können wir nur glauben,

uns könnte diese Welt gehören,

wo wir doch nicht einmal

einander die Hände reichen können,

um uns gegenseitig aufzuhelfen?

 

Wer wäre Gott,

wenn er uns kleine Geschöpfe

brauchen würde,

um diese Welt zu regieren?

 

Nein.

Er braucht uns nicht,

weil er uns will,

weil wir Ihm wichtig sind

und nicht egal.

Jeder einzelne von uns,

egal, was er kann

und was er alles nicht kann.

Wir sind nicht nichts,

gehören alle dazu,

sind alle einzigartig

und die Krone der Schöpfung.

 

Wie kannst du glauben,

dass alles Zufall ist,

aus einem winzigen Staubkorn entstanden?

Hörst du denn nicht,

wie sein Atem über den Himmel fegt

und die Wolken formt und bewegt?

 

Sei still,

halte deinen Atem an

und höre sein Flüstern

im leisen Rauschen der Bäume,

wie er zu dir spricht

und dir alles zeigen will,

was er für dich geschaffen hat.

 

Siehst du denn nicht,

wie er mit seiner Kraft

das Wasser der Meere zu Wellen auftürmt

und den Sturm wieder stillt;

die Sonne scheinen lässt

und die Möwen sanft auf dem riesigen Ozean wiegt?

 

Wie kannst du nur

deine Ohren verschließen,

deine Hände darauf pressen

und die Augen zusammenkneifen?

Nur, um nicht an den liebenden Gott zu glauben,

der auch dich

tagtäglich in seinen Händen hält

und nur das Beste für dich will,

weil er dich geschaffen hat.

geslammt_Katharina

 

Den Artikel Per Poesie prügeln mit der Anleitung zum Selbertexten findest du in TEENSMAG 6/15 #Take your time.

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